Zimmer 12-ErLeben

Hallo und liebe Grüße an alle, die diesen Bericht lesen.

In diesem Bericht möchte ich meine Arbeit im Psycho-Neurologischen Internat, also die Arbeit in meiner Einsatzstelle, beschreiben. Ich habe zwar schon ein wenig in meinen vorherigen Berichten geschrieben,

aber ich würde trotzdem gern von vorn beginnen. Also entschuldigt bitte eventuelle Wiederholungen!

Als ich im September hier ankam, mir mein Zimmer im Projekt zugeteilt wurde und ich begann zu arbeiten, hatte ich das große Glück, fast zwei Wochen mit Renata, meiner Vorgängerin im Zimmer, zusammen zu arbeiten. Sie zeigte mir die ganzen Abläufe im Zimmer, arbeitete mich sehr gut ein. Das war enorm hilfreich in dieser fremden und doch sehr anderen Welt.

Vor meinem Freiwilligendienst arbeitete ich in Deutschland ebenfalls in einer Einrichtung zur Betreuung behinderter Menschen. Doch das Leben für diese Menschen hier, die Art der Betreuung und der Angebote für sie, unterscheidet sich doch sehr stark von den Bedingungen in Deutschland. In Deutschland ist in den vergangenen ca. 40 Jahren sehr viel passiert, Rechte wurden aufgebaut und umgesetzt, Wohnformen wandelten sich, Werkstätten wurden errichtet… All diese Bemühungen stehen im Zeichen von Gleichberechtigung behinderter Menschen und deren Integration in die Gesellschaft.

In Russland steht dieser Weg noch ganz am Anfang. Hier herrscht noch das alte deutsche System, was inoffiziell als das 3-S-System bezeichnet wird. Die drei S stehen für satt, sauber und still. Und im Zeichen dessen gestaltet sich die Arbeit im PNI. Die Sanitarkas, das Pflegepersonal, füttert die Bewohner, wäscht sie (einmal in der Woche, mehr steht den Bewohnern nicht zu), wechselt die Windeln (es gibt 2 Windeln pro 24 Stunden), säubern die Räume…Und wenn gegen das dritte Prinzip verstoßen wird, gibt es einige Maßnahmen, die ergriffen werden können, um diesen Umstand zu ändern. Man kann die Bewegungsfreiheit einschränken, „Hysterie“ kann von den Schwestern medikamentös behandelt werden, auch eine zeitweilige Verlegung der Bewohner in eine Art psychiatrische Klinik kann für die Ruhe zweckmäßig sein…  All diese Maßnahmen sind für mich als Deutsche noch immer manchmal schwer zu akzeptieren, aber man kann sehr wenig dagegen tun, es ist eben das staatlich vorgegebene System. Es gibt häufig staatliche Kommissionen, die die Einhaltung der Vorschriften kontrollieren.

Den Sanitarkas kann man erst Recht keinen Vorwurf machen. Sie bekommen sehr, sehr wenig Geld für 24-Stunden-Schichten, sie machen die komplette Arbeit am Bewohner, sind für die Umsetzung der Regeln verantwortlich und stehen natürlich unter enorm großen Druck. Sie werden ständig durch die Schwestern und dem Stationsarzt kontrolliert, sie bekommen den Ärger, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Einige von ihnen sind sehr alt, vielleicht bessern sie sich sogar die eigene kleine Rente auf. Sie sind sehr bewundernswerte, aber auch bedauernswerte Personen.   

Doch trotz all dieser Umstände arbeite ich sehr gern dort, die Arbeit in meinem Zimmer macht mir sehr viel Spaß! Nach einiger Zeit des Aneinander-Gewöhnens sind wir jetzt eine richtige kleine Einheit, das Team Zimmer 12.

Die Bewohner des Zimmers zählen zu den Schwachen, wahrscheinlich weil sie ständige Begleitung und Hilfestellungen benötigen, um Dinge selbständig zu tun. Leider verhalten sich einige der 8 Bewohner nicht im Sinne des staatlichen Systems, weswegen die erwähnten Sanktionen sehr häufig angewendet werden. Die Grundsanktion ist das Geschlossen-sein des Zimmers, was auch bedeutet, dass sie nur in Begleitung auf den Gang hinaus dürfen.

Der normale Tagesablauf im Zimmer beginnt für uns halb zehn mit dem Zähneputzen, eventuell Wechseln der Windeln, Wechseln der Bekleidung oder Sonstigem. Da ich mit Jedem einzeln ins Bad gehe, benötigt man dafür einige Zeit. Wenn wir fertig sind, ist es meist gegen 11 Uhr. Dann bereiten wir den Tisch und die Stühle für den 11-Uhr-Tee vor. Diese kleine Zwischenmahlzeit und das nötige Aufräumen dauern meist bis zum Beginn meiner Mittagspause. Wenn doch noch etwas Zeit bleibt, gehen wir ein wenig auf dem Gang spazieren, ich lese etwas vor, mache kleine Massagen usw.    

Nach meiner Mittagspause gibt es Mittag für die Bewohner. Wir stellen wieder Stühle und Tische auf, holen Wasser… Das Mittagessen dauert bei uns recht lang, da alle mehr oder weniger Unterstützung benötigen.

Nach dem Aufräumen gibt es dann Zeit für Spaziergänge, Beschäftigungsangebote, Sitzen und Liegen auf einem großen Gymnastikball (den lieben alle sehr!), das Besuchen von pädagogischen Angeboten, putzen der Rollstühle… Gegen 16.45 Uhr ist meine Arbeit beendet.

 Zusätzlich zum Alltag gibt es manchmal besondere Aktionen, wie das Besuchen einer Disko für die Heimbewohner, eines Theaterstückes, das von Bewohnern für Bewohner aufgeführt wird, eines Weihnachtskonzertes eines Chores, der im Heim auftrat, oder auch Aktionen im Zimmer, wie Eier färben zu Ostern,Kerzen basteln zur Weihnachtszeit…

Leider sind auch da die Bewohner meines Zimmers manchmal gar nicht eingeplant oder ich kann nur mit max. zwei Bewohnern dorthin gehen. Es kam schon vor, dass ich im Schwesternzimmer fragte, ob wir gehen dürfen und ich wurde nur müde belächelt und gefragt, mit wem ich denn hinwolle und warum, es interessiert sich doch sowieso keiner dafür. Naja, ich hatte einen anderen Eindruck beim Konzert.

Obwohl die Bewohner als unselbständig und „schwach“ gelten, haben wir doch sehr viel Spaß miteinander. Man entdeckt auch immer wieder neue Fähigkeiten, die sie haben oder entwickeln; sie sind begeisterungsfähig; sie haben alle einen so starken eigenen Charakter; sie wollen etwas tun; sie sind fähig zur Kommunikation, können Wünsche und Ablehnung auf ihre Art klar zeigen – sie haben also doch ein großes Stück Selbständigkeit. Leider wird das im normalen Alltag auf Station nicht gesehen. Man muss sich natürlich Zeit nehmen, um sie kennenzulernen und verstehen zu können. Doch diese Zeit haben offenbar selbst die Perspektivy-Pädagogen häufig nicht, Sanitakas haben sie auch nicht, Schwestern und Arzt wollen sie nicht haben. Schade, sehr schade für die Bewohner. Aber wir machen das Beste daraus und genießen die gemeinsame Zeit. Zumindest genieße ich sie und ich glaube, dass sich zumindest keiner durch meine Anwesenheit gestört fühlt. Ich interpretiere ihre Reaktionen, die sie zeigen, wenn ich morgens den Raum betrete, als Freude mich zu sehen. Und ich hoffe, dass ich mich nicht völlig täusche.

Eines meiner Ziele ist, sie in die notwendigen Verrichtungen im Alltag einzubeziehen. Das macht ihnen offensichtlich Spaß, denn mittlerweile kommt es vor, dass sie bestimmte Aufgaben selbständig beginnen und allein ausführen.

Seit Februar wird auf unserer Station renoviert. Das hatte zur Folge, dass Aufgrund der nötigen Räumung einer Hälfte der Station nunmehr 9 Bewohner in diesem Zimmer wohnen. Davon sind vier Personen Rollstuhlfahrer. Somit befinden sich in diesem ca. 25 m² großem Raum 9 Betten, 4 Rollstühle, ein kleiner Schrank und zwei Tische. Folglich ist es etwas eng, aber wir kommen zurecht.

 Eine ungewöhnliche Aufgabe, die Freiwilligen zuteil werden kann, ist die Betreuung von Bewohnern im Krankenhaus. Einer meiner Bewohner hat leider seit Januar eine nicht-ausheilen-wollende Lungenentzündung, weswegen er  bereits zweimal im Krankenhaus liegen musste. Da er nicht laufen kann, sehr schwach war, nicht allein essen konnte und Windeln benötigt, wurde er nur aufgenommen unter der Voraussetzung, dass er rund um die Uhr durch die Mitarbeiter des PNI betreut wird. Und um diese Aufgabe zu bewältigen, wurden wir gebeten, den Dienst mit abzudecken. In einem russischen Krankenhaus zu sein, war ebenfalls eine sehr interessante, intensive und etwas bedrückende Erfahrung.

Eine weitere wunderbare Aufgabe ist die Betreuung/Aufsicht bei Ausflügen der Bewohner. Für wenig eingeschränkte Bewohner besteht regelmäßig die Möglichkeit, an von Perspektivy organisierten Ausflügen teilzunehmen. Sie besuchen Galerien, Kirchen, Städte, Parks, Paläste, Konzerte… Ich durfte mit nach Neu-Peterhof  fahren, wo wir uns die frisch renovierte und neu eröffnete Kapelle des berühmten Schlosses anschauten. Und bei diesem Rockkonzert für behinderte Menschen war ich ebenfalls Begleiter.  

Ein besonderer Höhepunkt für die Bewohner ist jedes Jahr ein Ausflug über mehrere Tage. Leider gibt es dieses Jahr das Sommerlager nicht mehr. Dafür gibt es jetzt über das Jahr verteilt mehrere kleine Lager in verschiedenen Orten. Ich durfte im März als Betreuer mitfahren. Wo wir waren und was wir machten, schreibe ich in meinen nächsten Bericht.

Alles Gute und Liebe Grüße aus Petersburg sendet

Stefanie

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