November

„Für ein Lächeln“
Der Monat November war relativ ereignislos. Das ist auch der Grund, dass dieser Bericht ein wenig verspätet überall ankommt. Meine kreative Phase hat ein wenig auf sich warten lassen.
Die Wohnungssituation hat sich gefühlt wöchentlich verändert und jetzt endlich scheint sie bis zur nächsten Renovierung im Winter fest zu stehen.
Von meinen 9 Mädchen die ich jetzt habe, ich habe Mascha und Oksana aus Zimmer 7 fest übernommen, schlafen nie mehr als 2 in einem Zimmer.
Katja und Schanna in Zimmer 6, Oksana & Masha (Zimmer 7), Dascha (Zimmer 9), Nadja (Zimmer 16), Vika & Ksjuscha (Station 10/Zimmer3). Und Leila ist auch immer noch nicht wieder da.
Allerdings ist uns gesagt worden, dass Leila in der Woche vom 5.-9. Dezember wiederkommen soll.
Dann kommt sie erst eine oder zwei Wochen in Quarantäne und dann endlich zurück auf die Station.
Auf Grund der neuen Verteilung der Zimmer bin ich sehr viel mit hin und her rennen beschäftigt.
Die Verteilung ist für niemanden von uns nachvollziehbar, besonders dass Nadja jetzt in Zimmer 16 liegt ist komisch. Man scheint hier Menschen mit scheinbar „ähnlichen“ Behinderungen zusammen zu legen. So wohnt Nadja jetzt mit 10 (!) anderen schwerbehinderten Bewohnern in einem Zimmer.
Am 12. November hat es endlich geklappt. Ich habe mit Valia Leila in Kaschenko besuchen können.
Wir sind sehr früh am Morgen losgefahren weit aus der Stadt raus. Kaschenko besteht aus mehreren Gebäuden, die von einer Mauer umgeben in einem kleinen Waldstück stehen.
Mit Essen und Saft für Leila ausgerüstet sind kamen wir also in Kaschenko an. Alle Stationen dort sind natürlich geschlossen, und so wurden wir in einen Besuchs-Raum geführt, um dort auf Leila zu warten. Wir waren ziemlich gespannt und auch sehr überrascht, weil uns niemand nach einem
Ausweis fragte. Nach ziemlich langer Zeit kam dann die kleine Leila an der Hand der Krankenschwester zu uns. Es war ein sehr glückliches wiedersehen, allerdings für mich auch nicht ein ganz einfaches. Leila trug
eine Windel, Kniestrümpfe, ein T-Shirt, Hausschuhe und einen ziemlich hässlichen, altmodischen Bademantel. Außerdem ein Band um die Hüfte, dessen Zweck uns schnell klar wurde.
Leila braucht keine Windel. Sie geht selbstständig aufs Klo und das T-Shirt roch so also wäre es nicht sehr frisch. Valia und ich kamen zu dem Schluss, dass sie die anderen Sachen wahrscheinlich Alibi-mäßig für unseren Besuch angezogen bekommen hatte. Das Band um die Hüfte und die Striemen an ihren Handgelenken machten es für uns offensichtlich, was wir schon vermutet hatten, nämlich dass sie dort am Bett fixiert wird.
Dennoch hatten wir gute Laune, denn Leila tat unser Besuch sehr gut. Sie hat sich sehr gefreut, dass wir da waren und uns auch direkt erkannt. Unser Besuch dauerte leider nicht sehr lange, da Leila müde war und uns immer wieder in Richtung Station zu ziehen, zu ihrem Bett vermutlich.
Ein paar unserer Therapeuten haben begonnen Theater mit den Bewohnern und Freiwilligen zu spielen. Also treffen wir uns jetzt jede Woche Montag zum Theater spielen. Jede Mal ein ziemliches Chaos und immer sehr witzig.
Von meinen Mädels ist nur Dascha dabei und Soja aus Zimmer 7 kommt immer noch mit mir.
Am 18. November gab es noch ein größeres Ereignis, dass von unserer Ausflugs-Organisatorin organisiert worden war.
Wir waren mit einigen unserer fußballbegeisterten Bewohnern im Stadion. FC
Zenit St. Petersburg gegen einen Club namens „Anzhid“.
Freitag Abend, nach der Arbeit hat uns unser Bus in die Stadt gebracht. Jeder Freiwillige mit einem Bewohner. Meine Frauen sind keine großen Fans vom Fußball und deshalb bin ich mit einem anderen Rollstuhlfahrer, Sascha,
gefahren.
Wir saßen direkt am Spielfeldrand. Das Spiel selber war nicht sonderlich interessant, aber unsere Leute hatten sehr viel Freude und als wir in der Halbzeitpause mit den Rollstühlen zum Fan-shop durch die Menge gelaufen sind gab sehr viele komische und auch überraschte Blicke.
Wirklich kein alltäglicher Anblick hier ein Mann im Rollstuhl, der keine alte Uniform trägt und bettelt.

Fred und ich haben in unserem Kunststudio einen echten Künstler entdeckt, dessen Bilder uns größtenteils echt gut gefallen. Er heißt Vassilij
(genannt: Wassja).
Wir waren gerade dabei, wie er dieses Bild hier fertig gemalt hat nach 5 Monaten. In der letzten Ecke malt er gerade die letzten weißen Stellen aus. Fred und ich sind einfach nur gespannt in atem und fassungsloser Bewunderung.
Wassja malt zu Ende. Setzt den Deckel auf den Stift. Lehnt sich zurück und betrachtet sein Werk. Nimmt das Blatt an einer Ecke. Reißt es vom
Tisch und wirft es hinter sich!
Ich ärgere mich immer noch, dass niemand unsere Gesichter in dem Moment gefilmt oder fotografiert hat. Es muss zu komisch ausgesehen haben.
Freds Kommentar zu dieser Situation: „ja, ein echter Künstler der seine eigene Kunst verachtet“

Zuletzt habe ich in diesem Monat zweimal mit angesehen, wie Bewohner von anderen Stationen im schwarzen Leichensack abgeholt worden sind.

Eine sehr schnelle und harte Aktion. Die, nennen wir sie mal Sanitäter, kommen mit einer schwarzen Plane in der Hand ins Haus. Es wird kurz gefragt, wo sich die gesuchte Station befindet.
Dann, etwa fünf Minuten später, kommen sie wieder raus mit einer Trage auf der eben dieser
schwarze Sack liegt. Der Kofferraum des Kleinbusses wird geöffnet und der Sack, wie mit
Kartoffeln gefüllt, hinein geworfen. Die Bewohner werden verbrannt und dann in anonymen
Massengräbern entsorgt.
Vor ein paar Wochen ist auch ein Bewohner unserer Station gestorben, wovon wir allerdings nicht
viel mitbekommen haben, weil er seit Anfang September in einem Krankenhaus war.
So lebt es sich als behinderter Mensch in Russland. Kinderheim Pavlovsk,
PNI, „Schokoladen-Haus“ wie das Krematorium in unserem Garten genannt
wird (Foto). Es ist zum Glück stillgelegt.
Jeder unser Bewohner ist für den Staat nur ein Gesichtsloser. Den man
ausbeuten kann, von dem man bei „Wahlen“ Stimmen erpressen kann. Ein
Niemand, dem man nur zu sagen braucht, „wenn du die regierende Partei
nicht wählst, bekommst du kein Essen mehr“.
So läuft das. Und so einfach und so grausam ist das.
Ich bin sehr froh den Menschen, die am meisten unter diesem kranken System leiden, ein wenig zu
helfen. Ihr Leben erträglicher zu machen. Die Menschen, die nicht in der Lage sind ihre eigene
Situation zu ändern und unter der Blindheit, Trägheit und Gleichgültigkeit vieler ihrer Landsleute
leiden müssen.

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