Monatsbericht Oktober

„Kaschenko“
Ich habe wirklich gedacht, in meinen ersten Wochen hätte ich die härtesten Schocks des
Jahres bekommen. Weit gefehlt…
Da ich nicht vorhabe ein ganzes Buch zu schreiben werde ich hier nur die (für mich)
bedeutendsten Ereignisse festhalten.
Die Probleme, welche ich noch im ersten Bericht zu Papier gebracht habe haben sich
aufgelöst und sind zur Normalität geworden. In den ersten Wochen pendelte sich so
langsam ein Alltag ein, aber dann habe ich schnell gemerkt, dass es in Peterhof niemals
einen Tag geben wird, der gleich ist wie der vorige. Peterhof kann niemals langweilig
werden.
Ich versuche mal zu veranschaulichen, wie unser Flügel des Gebäudes ungefähr aussieht:
Auf vier Etagen verteilt befinden sich:
____Station Nr. 2____________[]__________Station Nr. 9______________
____Station Nr. 3____________[]__________Station Nr. 10_____________
____Perspektivy_____________[]___Frauenstation (geschlossen für uns)__
___Quarantäne-Station_______[]__________leerstehend____________
Auf dem Perspektivy Flur befindet sich unser Freiwilligenraum, Küche, Therapie-Räume,
usw.
Auf den Stationen 2 und 9 „leben“ (vegetieren vor sich hin) Frauen höheren Alters. Station
3 ist unsere Station. Die einzige Station, auf der Männer und Frauen zusammen leben.
Station 10 ist die neue Station von Perspektiven, auf der im Moment zwei deutsche und
eine russische Freiwillige arbeiten.
Jetzt endlich zum Thema: Alle diese Stationen werden im Moment nacheinander renoviert.
Station 9 und 10 sind bereits fertig, und am Anfang fingen die Arbeiten auf unserer Station
an, was meine Mädels, eigentlich alle unserer Bewohner, extrem unruhig gemacht hat.
Katja, meine blinde, autoaggressive Autistin hat sich seit dem beginn der Arbeiten sehr
stak verändert.
Das erste Mal hab ich das in der zweiten Oktober-Woche beim Mittagessen gemerkt. Sie
ist vollkommen ausgerastet, vom Tisch aufgestanden und hat begonnen, sich wirklich hart
ins Gesicht zu schlagen. Ich habe ihr Handgelenke festgehalten und gut auf sie
eingeredet, was sie nicht dazu gebracht hat sich zu beruhigen, sondern sich mit dem Knie
ins Gesicht zu treten und auch nach meinen Schienbeinen zu treten.
Jedenfalls ist mir Laura, eine deutsche Freiwillige, deren Bewohner im gleichen Zimmer
wie meine zu Mittag essen, zu Hilfe gekommen. Vollkommen darauf konzentriert Katjas
rechtes Handgelenk und Knie festzuhalten bin ich wohl einen winzigen Moment
unaufmerksam gewesen, was Katja dazu genutzt hat mir ziemlich heftig in den
Handrücken zu beißen. Ich habe es gerade noch so geschafft meine Hand wegzuziehen
und sie so nicht ihrer gesamten Beißkraft auszusetzen, aber es hat gereicht mir ordentlich
Schmerz zu bereiten und meinen Handschuh zu zerreißen.
Daraufhin habe ich Katja an den Schultern von hinten halb geschoben, halb getragen,
zurück ins Zimmer begleitet, damit sie ihren eigenen ruhigen Raum hat um sich ein wenig
zu entspannen. Leider hat nicht mal ihre Mozart-CD geholfen sie zu beruhigen.
Das war der erste Ausraster dieser Art. Es waren in den folgenden Tagen immer mal
wieder ähnliche Situationen, aber ich war wesentlich aufmerksamer.
Der erste Ausraster war am Montag (10. Oktober).
Am Donnerstag derselben Woche folgte der nächste Schock.
Leila begrüßte mich wie immer auf dem Flur.
Allerdings habe ich Vika und Ksjuscha nicht gesehen, was mich dann doch gewundert hat,
weil sie normalerweise immer im Flur sitzen und Radio hören. Ich habe mir nichts
besonderes gedacht, weil wie schon erwähnt ist in Peterhof nichts wie am Tag vorher.
Der Schock kam mit dem öffnen der Tür zu meinem Zimmer. Leer. Alles weg.
Die Betten weg, Schränke an einer Wand zusammen geschoben, alle Bilder von
Schränken und Wänden abgerissen.
Ziemlich durcheinander habe ich dann die Suche nach meinen Mädels begonnen.
Erst beim verlassen meines Zimmers sind mir die ganzen Betten aufgefallen, die überall
auf dem Flur verteilt waren. Katja war schnell gefunden. Sie hing neben der
Gemeinschafts-Toilette, mit dem Kopf auf der Brille, schlafend.
Mein Zimmer war umgezogen. Auf den Flur… meine beiden autistischen Schützlinge
sollten auf dem Flur schlafen!
Bei der weiteren Suche habe ich mit ein wenig Erleichterung feststellen können, dass
wenigstens die anderen auf der Station 10, die ja bereits fertig renoviert ist, gut
untergebracht waren. Besonders Vika liebt ihr neues Zimmer und möchte unbedingt dort
bleiben.
Ich habe alle versucht, wenigstens Katja vom Flur weg zu bekommen, aber keines meiner
Gespräche konnte etwas bewegen.
So musste Katja erst einmal auf dem Flur bleiben, was sie natürlich überhaupt nicht
verstehen konnte. Ausraster wurden zur Regel. Und da sich das medizinische Personal
anscheinend nicht mehr anders zu helfen wusste, gab es Tage an denen sie, unter
Einfluss von Medikamenten, komplett durchgeschlafen hat und nicht ansprechbar war.
Das Wochenende muss furchtbar gewesen sein.
In der nächsten Woche hatten alle Perspektiven-Freiwilligen ein Seminar in Repino, einem
kleinen Vorort von St. Petersburg, direkt am Meer.
Mit der Rückkehr nach Peterhof am Freitag dieser Woche (21.) kam direkt der nächste
Schock. Leila war weg. Nicht auf der 3. Station, nicht auf der 10.
Erst nach einigen Gesprächen mit dem Personal wurde mir gesagt, dass Leila offiziell für
zwei Wochen auf die Station über unserer (Station 2) verlegt worden war. Mein erster
Besuch auf dieser Station war erschreckend.
Dort leben alte Frauen, die alle körperlich „sehr fit“ sind (soll heißen: laufen und essen
selbstständig). Diese Station ist absolut gruselig. Es ist vollkommen ruhig. Es ist kein
richtiges Leben mehr dort. Nur noch ein ewiges vor sich hin vegetieren. Die wenigsten
stehen noch aus ihren Betten auf. Etwas trostloseres habe ich selten zu Gesicht
bekommen.
Da wohnt jetzt also meine kleine, aktive, sehr unruhige Leila. Naja.
Im Laufe des Tages jedenfalls ist mir aufgefallen, dass auch noch 3 Frauen aus Zimmer 7,
das neben meinem liegt und keinen Freiwilligen hat, auf die Stationen 2 und 9 gezogen
sind. Da ich vorher schon Kontakt mit ihnen gehabt habe und Dima mich noch gefragt hat,
ob ich weiter mit ihnen Zähneputzen kann, ist mein Kontakt zu dieser Gruppe sehr stark
gewachsen. 6 neue Frauen. 6 neue Behinderungen.
Jetzt hatte ich also 12 Frauen auf vier Stationen. Leila (Zimmer 6) & Oksana (Zimmer7)
auf Station 2.
Soja & Katja B (7) auf Station 9.
Schanna, Vika, Ksjuscha, Dascha (6), Dina, Mascha & Sveta (7) auf Station 10.
Und meine Autistin Katja alleine im Flur auf Station 3.
In diesen Tagen habe ich wahrscheinlich mehr Zeit mit laufen verbracht, als mit den
Bewohnern, auch wenn ich die Frauen von oben öfters mit nach unten genommen habe,
wovon aber jedes Mal die Stationsleitung informiert werden muss. Wie über alles.
Aber in Sachen Stress und Schocks übertrifft, bis zu diesem Zeitpunkt, der 25. Oktober
alles. Er begann wie die beiden letzten. Zähneputzen, alle schön der Reihe nach. Bei Leila
angekommen fing es an. – Leila liebt Wasser. Zähneputzen weniger, da sie auch nur noch
4 oder 5 Zähnchen im Unterkiefer hat. –
Am Tag vorher habe ich schon gemerkt, dass sie sehr ruhig war und ein bisschen gezittert
hat. Ich habe gedacht, es sei wegen neuer Medikamente, die sie zur Beruhigung
bekommt. Wir bekommen ja keinerlei Informationen vom Personal.
Beim Zähneputzen fing sie heftig an zu zittern und fiel nach hinten um, wo ich zum Glück
in diesem Moment stand. Zuckend und zitternd lag sie in meinen Armen. Der beginn eines
epileptischen Anfalls, was ich in diesem Moment aber überhaupt nicht verstanden habe.
Voller Angst und Sorge habe ich sie zurück in ihr Bett getragen. Sie, immer noch zitternd
und die Augen verdrehend. Erst als sie im Bett lag beruhigte sie sich ein wenig. Erst dann
habe ich mich daran erinnert, das bei ihr Epilepsie diagnostiziert wurde.
Als nächstes habe ich die Krankenschwestern informiert. Mit der Aussage „ja, ja, wir
gucken gleich mal“ ging es weiter zu Valia, die vielleicht wissen würde, was zu tun sei.
Valia ist die zuständige Mitarbeiterin von Perspektiven unter anderem für mein Zimmer.
Zurück in Leilas Zimmer habe ich auf ihrem Bettrand gesessen und auf Valia gewartet, die
gerade eine neue Freiwillige einführte.
Leila ging es sichtbar schlecht. Immer am zittern und zwischendurch diese
Schwächeanfälle. Dann passiert es. Ein epileptischer Anfall der krassesten Sorte.
Laura war auch im Zimmer, sie hatte mitbekommen was los war.
Leila verkrampfte sich, ihr Gesicht lief rot an.Die Sehnen am Hals traten hervor.
Laura lief los um Hilfe zu holen. Ich war einfach nur geschockt.
Meine arme, kleine Leila.
Ihre Augen drehten sich nach oben, nur noch weiß. Ihr kam Schaum aus dem Mund und
lief die Wange runter. Dazu Geräusche von ihr die sich am besten beschreiben lässt mit
einer Mischung aus röcheln, stöhnen und wimmern.
Eine Szene wie aus einem Horrorfilm. Einem wirklich extrem realen Horrorfilm. Ich
schreibe später weiter… ich sehe nichts mehr vor lauter Tränen.
Sobald der Anfall vorbei war habe ich Valia angerufen. Ich fühlte mich hilflos.
Ich habe versucht Leila zu beruhigen. Wie uns später erzählt wurde, verursachen manche
epileptischen Anfälle starke Schmerzen, was die folgende Situation erklärt.
Leila versuchte aufzustehen, versuchte aus dem Bett zu klettern. Sie war nicht mehr zu
halten.
Ich habe Leila noch nie ein lautes Geräusch machen hören. Maximal ein Lachen oder ein
Seufzen. Aber an diesem Tag hat sie geschrien, wie ich es nicht könnte.
Vielleicht habe ich das auch nur so empfunden, aber es war für Leila unglaublich laut. Sie
rannte im Zimmer hin und her und schrie. Valia und eine der Krankenschwestern waren
mit Laura und mir im Zimmer. Ich war mit der Situation überfordert und wusste überhaupt
nicht, was ich tun konnte. Valia erklärte, dass sie dieses Verhalten auch zum ersten Mal
sehen würde, aber das Leila wohl nur so damit umgehen kann. Herum rennen und
schreien. Nach einer gefühlten Ewigkeit, die ich mit Valia im Zimmer auf dem Boden
gesessen habe um Leila zu beobachten und aufgepasst habe, dass den anderen
Bewohnern nichts passiert, beruhigte sich Leila wieder. Sie suchte Kontakt zu mir, wenn
auch nur für wenige Sekunden. Als Leila dann auf ihrem Bett saß und sich vollkommen
beruhigt hatte, habe ich ihr eine Schnur (sie liebt Schnüre über alles) dagelassen und
musste erst mal Mittag essen.
Nach dem Mittagessen hat sie viel geschlafen. Als ich gegangen bin war sie wach, lag
aber im Bett und war ziemlich fertig.
Das war also der schlimmste Schock. Bis dahin jedenfalls.
Weit schlimmer für mich war der Donnerstag danach. Zwei Tage später.
Eine von Leilas ehemaligen Mitbewohnerinnen kam mir entgegen. „Leila… die kleine…“.
Weinen. Nichts mehr. Keine Informationen.
Mit einem sehr unguten Gefühl im Bauch begann also die nächste Suche nach Leila. Nicht
im Zimmer. Die Frauen sagten was von „weggefahren“. Die Krankenschwestern konnten
mir keine Auskunft geben.
Dima fand heraus, dass sie überwiesen worden war. In eine Psychiatrie. Leila?!
Psychiatrie??
Warum? Wohin? Kann ich sie besuchen? Alles Fragen die das Personal nicht
beantwortete.
Dann fiel das Wort das mich mehr schockte als alle anderen Situationen in Peterhof
zusammen.
„Kaschenko“!
Jeder hier kennt es. Jeder hier hat Angst davor. Viele Bewohner fangen an zu zittern,
wenn sie davon hören.
Kaschenko ist nur ein Name. Der Name einer Klinik, benannt nach einem russischen
Psychologen. Mit Kaschenko wird den Bewohnern gedroht, wenn nichts anderes mehr hilft
und wenn sie nicht alles machen was die Sanitarkas ihnen sagen.
Es gibt unter den Bewohnern ein eigenes Handzeichen dafür. Gekreutzter Zeige- und
Mittelfinger. Das Zeichen für ein Gitter.
Kaschenko ist eine Psychiatrie. Was dort wirklich vor sich geht lässt sich vielleicht mit
Dimas Worten am besten erklären: „Hier sind die Ärzte nicht befugt den Bewohnern sehr
starke Medikamente zu geben. In Kaschenko schon.“
Die „nicht sehr starken“ Medikamente, in unserem Internat lassen erwachsene Männer
mehrere Tage durchschlafen…
Leila ist nur halb so groß wie ein erwachsener Mann. Und nicht halb so schwer.
Niemand außer den Bewohnern selber weiß, was dort gemacht wird mit ihnen. Aber nach
allem was ich hier gesehen und gehört habe will ich es ehrlich gesagt auch nicht wissen.
Ein Bewohner unserer Station war 3 Monate in Kaschenko. Ich habe die starke Hoffnung,
dass Leila bald zurückkommt. Oder dass ich sie besuchen kann. Auch wenn sie nur
schläft.
Mir ist zwar gesagt worden, dass ich sie nicht besuchen kann und darf, allerdings habe ich
heute mit einer der Direktorinnen von Perspektivy gesprochen und sie sagte, dass
Besuche in Kaschenko zwar schwierig aber möglich sind.
Am Montag ist der zuständige Arzt dieser Station wieder da. Dann erfahren wir vielleicht
endlich den Grund für diese Überweisung.
Ich habe die ganz starke Vermutung, dass sie am Mittwoch, unserem freien Tag, einen
weiteren Anfall hatte und ihr Verhalten als Aggression fehlinterpretiert wurde oder man
einfach mit der Situation überfordert war.
Die Sache mit Leila macht mich gerade echt fertig.
Das letzte Ereignis dieser Woche war zwar auch ein Schock, aber ein positiver =)
Am Freitag Vormittag, als ich mit meinen Mädels auf der Station 10 Zähne geputzt habe,
sind alle Betten vom Flur verschwunden.
Als ich zurückkam um mit Katja die Zähne zu putzen, saß sie auf ihrer Toilette, die
normalerweise neben ihrem Bett steht, aber das Bett war weg.
Jara, eine der russischen Freiwilligen sagte, dass die restlichen Betten, die noch auf dem
Flur standen wieder in die Zimmer geräumt worden waren. Unter anderem wohnten jetzt
zwei ihrer Frauen in meinem alten Zimmer. Dort habe ich dann auch Katjas Bett gefunden.
Mein Zimmer war wieder sauber. Die Betten standen zwar kreuz und quer im Zimmer aber
es war wieder bewohnbar. Und da war noch etwas neues. Jemand neues! Ein neues
Gesicht guckte unter einer Bettdecke hervor.
Nadja!
Nadja ist so groß wie ein Baby und absolut süß! Sie ist mir auf den ersten Blick ans Herz
gewachsen. Ich habe mich richtig gefreut, als man mir erklärt hat, dass sie jetzt bei mir
wohnen wird. Auch wenn die anderen die jetzt hier schlafen wieder in ihre eigenen Zimmer
ziehen. Ein großer Lichtblick in dieser schweren Zeit.
Sie hat ihr ganzes Leben in einer Tüte mit gebracht. Ihr Leben passt in eine Tüte…
traurig…
Kleidung, eine Trinkflasche und ein paar Spielsachen. Ist jetzt alles in meinem Schrank
verstaut, weil wir ja weder Spielsachen noch Kleidung in dieser Größe in Peterhof haben.
Nadeschda (Nadja) bedeutet Hoffnung. Und ich hoffe es wird ihr gut gehen bei uns. Am
Montag bekomme ich noch einige Informationen über sie.
Sie kommt aus dem Kinderheim Pavlovsk, dem ersten Projekt von Perspektiven. Dem
ersten Projekt (1996) mit behinderten Kindern in ganz Russland! Darüber erzähle ich im
nächsten Bericht noch ein bisschen, der hier ist schon viel zu lang.
Die einzigen Informationen die wir bekommen werden, sind die von anderen Perspektiven-
Mitarbeitern aus Pavlovsk.
Die Tagen werden spürbar immer kürzer. Wir gehen jetzt im Dunkeln zur Arbeit. Um 9:00!
Und wenn wir wieder in der Stadt sind geht sie auch schon bald wieder unter.
Naja. Ich werd’s überleben 🙂
Also dann bis zum nächsten Monat.

🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.