Mein zweiter Erfahrungsbericht

21.01.2011

    2. Erfahrungsbericht

    Verena in Sankt Petersburg

Eine weitere Zugfahrt, ein weiteres Seminar und ein weiteres Mal genügend Ruhe und Zeit für einen Bericht von mir für Euch aus dem inzwischen winterlichen Russland.

Winterlich heißt in den meisten Gegenden Russlands, dass es klirrend kalt und tief verschneit ist, spät hell und früh wieder dunkel wird und dass das Laufen zu einer Kunst wird.

Ich bin derzeit eher langsam unterwegs und schlurfe meist, um nicht auszurutschen und zu fallen. Mir graut es bei der Vorstellung, die Blicke der Russen, die das Laufen auf den vereisten und verschneiten Gehwegen perfekt beherrschen -auch in Stöckelschuhen!-, auf mich zu lenken.

Neben der erschwerten Fortbewegung bringt der Russische Winter aber viele Reize mit sich.

Die tief verschneiten Parks mit kleinen zugefrorenen Seen und die ebenso zugefrorene Ostsee laden zu Winterspaziergängen ein, zu denen eine heiße Tasse Tee oder Kakao zum Aufwärmen danach perfekt passt.

Noch nie habe ich so riesige Eiszapfen wie hier gesehen – toll, aber gefährlich.

Irgendwo habe ich aufgeschnappt, dass jährlich mehrere Menschen von fallenden Zapfen erschlagen werden.

Beruhigend also, dass die Gehwege ab und zu provisorisch abgesperrt werden, die Eiszapfen abgeschlagen werden und der Schnee von den Dächern geschippt wird.

Weniger beruhigend ist jedoch, wie abgesperrt wird. So ist es mir anfangs einmal passiert, dass ich eine Absperrung nicht als solche erkannt habe, weil es ja nur zwei alte Stühle waren, zwischen denen ein Absperrband befestigt war. Ich marschierte also schnurstracks weiter, staunte noch, dass an diesem Morgen besagtes Stück Gehweg komplett leer war und fragte mich, warum denn alle andern auf der Straße laufen. Nach wenigen Metern kam ein Mann, dessen Job es ist unten aufzupassen, auf mich zu und schrie auf Russisch herum. Ich habe zum Glück verstanden, dass da bald haufenweise Schnee und Eis fallen werden und bin fix auf die Straße, war aber schon ziemlich eingeschüchtert und erschrocken vor dem lauten Kerl.

Seit kurzer Zeit ist es in St. Petersburg der Jahreszeit entsprechend ungewöhnlich warm. Wir haben häufig um die 0°C.

Ich habe nicht schlecht gestaunt, was da an Schmutz zum Vorschein kam, als die Schneeberge zum ersten mal anfingen zu schmelzen. Es ging ratz fatz, schon war all das schöne Weiß braun, gespickt mit alten Feuerwerkskörpern, Bierdosen, Zigarettenstummeln und sonstigem Müll, der achtlos in den Schnee geworfen worden war.

Das ist auch so ein Thema für sich– Müll.

Dieser wird, wie gesagt, oft einfach auf die Straße geworfen. Es scheint die Arbeit einiger Babuschkas (alte Frauen) zu sein, herumzuschlurfen und mit einem Reisigbesen ein wenig aufzufegen, was mir weniger effektiv erscheint.

Früh morgens, um fünf oder sechs Uhr, fährt manchmal ein Fahrzeug durch die Straßen, welches Wasser auf die Gehwege spritzt, so dass der Müll zur Seite geschwemmt wird.

Seit Schnee fällt, wird der Müll jedoch, wie es scheint, einfach damit bedeckt.

Zuhause trennen die Menschen den Müll gar nicht. Ich habe mich einmal mit einem Russen darüber unterhalten. Der meinte, es gab einmal einen Ansatz für ein System. Die Leute haben wohl auch brav sortiert. Es stellte sich jedoch bald heraus, dass am Ende wieder alles zusammen geworfen wurde, so dass das Trennen bald ein Ende hatte. Er meinte, die Russische Regierung habe nicht genug Geld, um in ein besseres Müll-System zu investieren und sowieso dringendere Sorgen.

An das meiste hier habe ich mich unheimlich schnell und gut gewöhnt, ich fühle mich nach wie vor pudelwohl, inzwischen sogar irgendwie zuhause, so dass es ein ziemlicher Kulturschock für mich war, als ich Anfang Dezember wegen meines Visums wieder nach Deutschland musste.

Ich habe über Fahrradwege gestaunt, war gerührt, wie eine für mein Gefühl kleine Menge Schnee Berlin aus dem Takt brachte und auch wie die WG meiner guten Freundin Julia, die ich in Nürnberg besucht habe, ihren Müll trennte.

Ich musste anstelle von drei, ursprünglich geplanten, Tagen zwei Wochen in Deutschland bleiben, da die Ausstellung eines Expressvisums aufgrund der Farbe meiner Einladung nicht möglich war. Ich war etwas fassungslos und dachte erst, ich werde veralbert, als mir genau das, todernst ins Gesicht gesagt wurde – „Sie haben nur eine weiße, brauchen aber eine gelbe Einladung. Das geht so nur in mindestens 14 Tagen.“

Diese zwei Wochen waren dann genug Zeit, um mich doch wieder an Deutsche Verhältnisse zu gewöhnen, meine Freundin und meine Großeltern zu besuchen und dort meine Mama zu treffen. Ein so langer Aufenthalt war zwar ganz und gar nicht nach meinem Wunsch und es war verwirrend dort zu sein, aber es war auch schön, die Leute zu sehen.

Es war jedoch kein Urlaub. Ich habe die Zeit genutzt, um für den Verein MIR e.V. und um neue Freiwillige zu werben.

Nach zwei Wochen hatte ich dann endlich, endlich nach unzähligen Komplikationen und viel zu viel Frust ein Jahresvisum mit Mehrfacheinreise in der Hand und konnte in mein derzeitiges Zuhause zurück fliegen – OH , Freude!

Bald nach meiner Rückkehr habe ich hier mein allererstes Weihnachten ohne Familie verbracht.

Es war sehr schön und feierlich, aber auf eine Art und Weise, die für mich irgendwie nicht weihnachtliche war.

Schon Ende November haben meine Mitbewohnerin Carolin und ich gemeinsam mit Freunden einen winzigen Tannenbaum besorgt und eine Advents-, und Weihnachtsecke in der Küche eingerichtet. Wir haben uns auch gegenseitig Adventskalender gebastelt.

Am 24.12. haben wir zuerst zu zweit eine winzige Bescherung mit echtem Deutschem Glühwein gemacht und sind anschließend bei einer WG von anderen Deutschen Freiwilligen zu Gast gewesen, wo einige Deutsche, Polen und auch Russen Deutsches Weihnachten gefeiert haben.

Am 25.12. war die Betriebs Weihnachtsfeier der Caritas St. Petersburg, wobei es sich eher um eine Neujahrsfeier handelte. Es kam kein Weihnachtsmann, sondern Djed-Moros (Väterchen Frost) und es wurde eher „S nowim godom!“ („Ein frohes Neues Jahr!“), als „S Roschdestwom!“ („Frohe Weihnachten!“) gewünscht. Für die Russen ist Silvester viel wichtiger als Weihnachten, was sie erst am siebten Januar feiern.

Dank Sangria, Wodka, Unmengen von Essen und einem Entertainer war es ein recht geselliger Abend.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag war die Weihnachts-, oder eher Neujahrsfeier der Behinderten-Tagesstätte, Dom Maletzkovo, wo ich die meiste Zeit arbeite.

Ich habe gemeinsam mit den Menschen mit Behinderung vorgesungen und sogar den Fuchs in einem kleinen Theaterstück gespielt, Väterchen Frost hat Geschenke verteilt – auch ein Märchenbuch für mich- und es wurde gemeinsam gegessen. Obwohl der Mittag etwas chaotisch und unstrukturiert verlief, war es doch sehr schön und auch spannend mal die Eltern kennen zu lernen.

Das für die Russen so wichtige Neujahr habe ich eher bescheiden gefeiert.

Carolin, Alex -ein Deutscher Freiwilliger aus Wolgograd, der bei uns zu Gast war- und ich haben erst fein gekocht und gegessen und sind dann ins Zentrum gefahren, um auf dem Platz vor der Heremitage den Jahreswechsel zu erleben. Leider waren wir zu spät dran und um 0.00Uhr noch in der Metro. Da wurde aber auch gebührend gefeiert, die ein oder andre Luftschlange gepustet, gegrölt, Sekt aufgemacht und angestoßen.

Am Abend des dritten Januars haben Carolin, Alex und ich dann total spontan entschieden, dass es an der Zeit für eine Reise sei, sind noch in der selben Nacht in einen Bus nach Tallinn gestiegen und haben dort drei tolle Tage verbracht.

Tallin, zumindest der kleine historische Ortskern, ist richtig niedlich und meiner Meinung nach eine Reise wert.

In Estland, bei unserem Couch-Surfing-Gastgeber, wo wir übernachtet haben, haben wir auch in meinen Geburtstag reingefeiert und in St. Petersburg mit unseren Freunden wieder raus.

Couch-Surfing ist eine Internetseite, wo Einheimische Reisenden eine kostenlose Übernachtungsmöglichkeit anbieten, also ideal für drei arme Deutsche Freiwillige.

Meine zweite Reise dieses Jahr ging nach Vladimir, 13 Stunden Zugfahrt von Sankt Petersburg entfernt, wo ich meine Midterm-Evaluation (ein Zwischenseminar) vom Europäischen Freiwilligendienst hatte und von wo ich nun auf dem Heimweg bin.

Vladimir liegt zwischen Moskau und Nizhny Novgorod. Es ist eine, im Vergleich zu St. Petersburg, recht beschauliche, sehr schöne Stadt, wo auch Alexander Newsky, nach dem die St. Petersburger Hauptstraße benannt ist, begraben liegt, was für mich ein kleines Highlight war. Von begraben nämlich kann kaum die Rede sein – Alexander Jaroslawitsch Newski, der 1263 gestorben ist, war ein Fürst und ist heute ein Heiliger der Orthodoxen Kirche und er liegt derzeit für alle sichtbar in einem Glaskasten in der Maria-Himmelfahrtskathedrale in Vladimir. Man kann sogar seine schwarz-vergammelte Hand sehen, die noch das Schwert hält, das Gesicht ist mit einem Tuch bedeckt – wahrscheinlich besser so, da es sicher auch schon schwarz und ranzig ist.

Das Seminar hat nur zwei Tage gedauert, mit der langen An- und Heimreise jedoch hatte ich viel Zeit genau das zu tun, wofür es gedacht war – Reflektieren, was ich bisher geschafft habe und planen, was ich noch schaffen will, außerdem habe ich die nötige Ruhe gefunden, darüber nachzudenken, was meinem Jahr in Russland folgen soll.

In meiner Zeit hier, will ich beispielsweise meine Sprachkenntnisse erweitern, mehr reisen und -ganz banal- endlich richtig kochen lernen. Nach meinem Freiwilligenjahr strebe ich im Augenblick ein BA Studium in „Sozialer Arbeit“ an.

Ich blogge seit einiger Zeit auch auf der Internetseite des Vereins (www.mir-ev.eu), die mein Bruder Arne ganz super eingerichtet hat, in der Rubrik „die Freiwilligen – Verena’s Blog“.

So weit, so gut.

Alles Liebe aus dem derzeit eher nass-grauen St.Petersburg. Ich lass mich vom Wetter nicht unterkriegen und bin guter Dinge! 🙂

Eure

Verena

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