Mein erster Bericht (Verena Hansen – aktuelle Freiwillige)

02.10.2010

1. Erfahrungsbericht

Verena in Sankt Petersburg

Jetzt, wo ich 16 Stunden Zugfahrt von Sankt Petersburg nach Nizhny Novgorod vor mir habe, finde ich endlich die Zeit und die Ruhe für meinen ersten Bericht.

In Nizhny Novgorod, wohin ich nun meine erste russische Zugfahrt unternehme, werde ich an einem einwöchigen On-arrival-training (Einstiegs-Seminar) für Freiwillige des Europäischen Freiwilligendienstes teilnehmen.

Nach nur vier Wochen in Sankt Petersburg beginne ich jedoch gerade, mich so richtig einzuleben und wohl zu fühlen, so dass ich trotz meiner Vorfreude auf das Seminar gerade nicht weg möchte und Angst habe, etwas zu verpassen – Wo doch die erste Zeit so aufregend und schön war!

Hier klappte sowohl bei der Arbeit als auch in meiner Freizeit bisher alles super. – Und das nach dem großen Visums-Fiasko!

Nachdem mir das falsche Visum ausgestellt worden war, flog ich drei Tage vor meiner Ausreise für einen Tag nach Berlin, um dort in der Russischen Botschaft zu versuchen, es berichtigen zu lassen – Erfolglos! Der Willkür eines übel gelaunten Angestellten der Visums-Abteilung ausgesetzt, versuchte ich mehrmals, etwas zu erreichen. Ein anderer freundlicherer Mitarbeiter hatte mir auch bloß zu sagen, dass er nichts für mich tun könne. Daraufhin verließ ich die Botschaft den Tränen nahe und war mir todsicher, dass es eine Fehlentscheidung war, ein Jahr in Russland zu verbringen.

Als ich jedoch am Freitag, den 03.09., morgens um 5:00 Uhr mit Mama und Papa am Züricher Flughafen stand, hatten mich Carsten Heinrich und Robert Schönfelder (die zwei ehemaligen Freiwilligen, die gemeinsam mit ihrer ehemaligen Mentorin Inge Shabli meinen Entsende-Verein gegründet haben) wieder beruhigt und meine Vorfreude wieder hergestellt. Zudem war neben meiner riesigen Aufregung sowieso kaum Platz für andere Gefühle. Doch auch gegen die größte Nervosität ist ein Mittel zu finden, in meinem Fall ein ulkiger Sitznachbar, der mir mehrere Stunden lang von seinem guten Freund Bill Clinton – „Ein echt anständiger Kerl, der Bill!“ – ,von rauschenden Silvesterparties im Weißen Haus und ähnlichem erzählte.

In St. Petersburg holte mich Nina, eine russische Freundin von Carsten und Robert, vom Flughafen ab und brachte mich in die Wohnung, in der ich für die ersten drei Wochen in einem Zimmer zur Untermiete gelebt habe.

Zum Glück war Nina dabei, denn trotz zweiwöchigem Russisch Intensiv Kurs in Deutschland, konnte ich kaum ein Wort verstehen, von dem was meine Vermieterin sagte. Anfangs lag meine noch immer häufige Verständnis- und Ratlosigkeit sicher auch daran, dass die Russen so schnell reden. Inzwischen ist das größere Problem, dass mein Vokabular noch verhältnismäßig klein ist. Ich habe, was die Sprache angeht, das Gefühl, dass ich fast täglich mehr kann und doch noch lange nicht genug.

Schon an meinem ersten Wochenende hier lernte ich über Nina und die Tochter meiner Vermieterin, die zum Glück Englisch spricht, bereits einige Leute kennen und kam dazu, erste Eindrücke von dieser wunderschönen Stadt zu sammeln.

Ich war mir schnell sicher, dass ich mich hier gut einleben werde, fühlte mich aber noch fremd. Zu dem Gefühl als Ausländerin aufzufallen, trug auch der Kleidungsstil der russischen jungen Frauen gehörig bei. Im Gegensatz zu mir und zu vielen jungen Frauen in Deutschland tragen hier die meisten oft und gerne Stöckelschuhe und knappe Röcke. Ich warte nach wie vor darauf, Zeugin zu werden, wie eine der Damen sich einen Absatz auf einer der häufig schlecht präparierten Straßen abbricht oder stürzt.

Entgegen meiner Wahrnehmung scheine ich jedoch recht russisch auszusehen – es passierte mir von Anfang an häufig, dass ich nach dem Weg gefragt wurde. Es ist es mir sogar schon passiert, dass eine englische Touristin ihren Mann bat, ein Foto von uns gemeinsam zu schießen, da sie zu glauben schien, ich sei Russin. Bis mir das Missverständnis klar wurde, waren die zwei schon mit einem Foto von einem „echten Russischen Mädchen“ über alle Berge. Inzwischen fühle ich mich, wie gesagt, selber auch so, als würde ich hierher gehören.

Am Montag bin ich zur Caritas, meiner Empfänger-Organisation, gegangen, wo ich einen Instant-Kaffee bekam – etwas anderes ist in Russland Kafftee-technisch fast nicht zu kriegen. Ansonsten wurde mir nur gesagt, ich solle am folgenden Tag wiederkommen – und dafür eine Stunde Metro-Fahren und Laufen!

Am Dienstag war ich zum ersten Mal im Dom Maletzkovo, der Behinderten-Tagesstätte, wo ich nun vier Tage in der Woche arbeite. Meine erwarteten Hemmungen bei der Arbeit mit Menschen mit Behinderung sind nie aufgetreten. Die Atmosphäre im Projekt ist schön und der Umgang ist sehr liebevoll. Was mir schwer fällt einzuordnen und damit umzugehen, ist dass die Menschen mit Behinderung als Kinder gesehen und dementsprechend häufig nicht ernst genommen werden. Ich habe die Vermutung, dass die meisten viel weiter kommen und selbstständiger werden könnten, wenn man sie mehr fordern und fördern würde. Also freue ich mich schon sehr darauf, selber Programmpunkte zu organisieren und zu leiten, sobald mein Russisch ausreichend sein wird. Dann werde ich auch Alternativen zum alltäglichen Mittags-Programm bieten können, das meist einfach das Anschauen von Kinderfilmen beinhaltet.

Bei diesem ersten Besuch im Dom Maletzkovo lernte ich auch Carolin kennen, eine weitere deutsche Freiwillige der Caritas aus Osnabrück. Sie arbeitet jeden Freitag mit mir im Dom Maletzkovo, den Rest der Woche über arbeitet sie täglich in einem anderen Projekt der Caritas.

Da wir uns echt gut verstehen und Carolin aus ihrem ersten Zuhause in St. Petersburg ausziehen musste, waren wir froh, dass die geplante Auflösung der Freiwilligen-WG der Caritas ein weiteres Jahr aufgeschoben wurde und wir jetzt zusammen hier wohnen können. Ich genieße es sehr, keinen eineinhalb-stündigen Weg zur Arbeit mehr zurücklegen zu müssen und vor allem mit jemandem zu leben, mit dem ich mich über die Arbeit und mein Befinden austauschen kann. Zum einen ist die Sprachbarriere, die bei meiner vorherigen Vermieterin bestand, nicht mehr im Weg und zum anderen haben wir uns inzwischen so gut angefreundet, dass wir auch über persönlichere Erfahrungen und Probleme sprechen können. Eine Kleinigkeit jedoch fehlt mir seit ich umgezogen bin – Zwischen meiner ersten Wohnung und der nächstgelegenen Metro-Station lag ein wunderschöner und riesengroßer Park – der Park des Sieges. Es war echt toll, täglich auf dem Weg zur Arbeit und auf dem Heimweg durch den immer herbstlicher werdenden Park zu gehen.

Seit meiner zweiten Woche hier arbeite ich zudem einmal pro Woche in einem weiteren Projekt der Caritas– dem Ostrowok. Das Ostrowok ist eine Kindertagesstätte für Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen. Ich gebe dort Französisch-Nachhilfe. Es macht mir großen Spaß macht, auch wenn es mir oft das letzte Fitzelchen Geduld abverlangt, die Kinder immer wieder zu motivieren und zur Konzentration zu bewegen.

Neben der Arbeit habe ich in den ersten hier Wochen eifrig Kontakte geknüpft, sowohl zu anderen deutschen Freiwilligen und zu Studenten aus dem Ausland, die zur Zeit hier studieren, als auch zu Russen. Es wäre sehr leicht als Deutsche in St. Petersburg unter Deutschen, Amerikanern, Franzosen und anderen Ausländern zu bleiben. Mir ist es aber wichtig, in dem Jahr hier auch russische Freunde zu finden, was mir glücklicherweise schon jetzt gelingt.

Einer der Vorteile an nicht-russischen Freunden ist wohl ihre Pünktlichkeit, von der die Russen noch nicht allzu viel zu wissen oder zu halten scheinen.Nicht nur wenn man sich mit Freunden trifft ist die Pünktlichkeit eher unwichtig, sondern auch bei der Arbeit herrscht eine erstaunlich entspannte Atmosphäre. Ich kam einmal schon im Projekt an und außer einem der Menschen mit Behinderung war noch gar keiner da. Genauso wenig erstaunt es mich inzwischen, Arbeiter auf der Straße auf einem Schutthaufen sitzen und rauchen zu sehen, anstelle davon, die Straße auszubauen.

Offensichtlich geht es mir hier sehr gut, es kehrt sogar schon fast so etwas wie ein Alltag hier ein,

bis bald, eure Verena

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