Mein 5. Erfahrungsbericht

5. Erfahrungsbericht

Verena in St. Petersburg

 

 

Es ist Sommer und zwar so richtig, heute hat es über 30°C. Das Leben fühlt sich so an, als würde es aus allen Nähten platzen. Es ist immer was los und ich fühle mich pudelwohl!

Ich geniesse die Weißen Nächte und die Tage zwischendrin in vollsten Zügen – verbringe unheimlich viel Zeit in der Sonne, die ja nun kaum noch untergeht, liege in Parks, an der Newa oder am Meer in der Sonne, werde braun und bade.

 

Ein besonders sonniger Tag war der neunte Mai, der Tag des Sieges. Angeblich wird am neunten Mai ein Gas oder so in die Luft über der Stadt getan, damit der Himmel wolkenfrei bleibt. Ob das stimmt, weiß ich immer noch nicht, aber nachdem ich gesehen habe, wie überaus wichtig dieser Tag den Russen scheinbar ist, kann ich es mir sehr gut vorstellen.

Schon am 5. Mai habe ich einen kleinen Vorgeschmack darauf bekommen. Da war auf dem Schlossplatz vor der Heremitage eine Parade-Übung. Es war schon etwas unheimlich, als über 1000 Soldaten im Gleichschritt an mir vorbeimarschierten, nachdem sie auf den Ruf “Alles Gute zum Tag des Sieges, Genossen!” mit einem dreifachen schallenden “UUURRAAAAA!” geantwortet hatten. Den Marschierenden folgte dann ein beachtliches Aufgebot an Geländewagen mit schwer bewaffneten Soldaten, Panzern und auch Raketen. Die Zuschauer staunten und freuten sich riesig.

Am neuten Mai selbst, war ich den ganzen Tag im Stadt-Zentrum, wo die Stimmung fröhlich Volksfest-mäßig war.

Aber dass der Grund der allgemeinen Freude der große große Sieg war, war schon komisch. Warum nicht den Tag des Friedens feiern? Weil man da nicht so schön die Panzer präsentieren kann?

Es gab morgens eine Parade mit Soldaten auf dem Schlossplatz und eine Flugschau. Mittags fand eine Parade auf dem Nevsky statt, wo die Veteranen des zweiten Weltkriegs bejubelt wurden, die auch den ganzen Tag über von jungen Frauen und Kindern mit Blumen überhäuft, umarmt und geküsst wurden.

Es war mir etwas fremd, den Veteranen zuzusehen, wie sie mit Stalin-Postern und “Danke für den Sieg!”- oder “Leningrad – Stadt der Helden”-Bannern den Nevsky entlang liefen und sich zujubeln ließen.

 

Seit Anfang Juni arbeite ich, wie geplant, im Psychoneurologischen Zentrum in Peterhof.

Morgens muss ich den Menschen mit Behinderung beim Zähneputzen helfen.

In dem Zimmer, für das ich zuständig bin, können das alle selber und den beiden, die es nicht können, helfen die drei selbstständigen Behinderten. In dieser Zeit kümmere ich mich um ein Zimmer, für das derzeit kein Freiwilliger zuständig ist und helfe, wo Not am Mann ist.

Viele der Bewohner, die selbstständig sind, übernehmen verschiedene Aufgaben, wie zum Beispiel den Schwächeren zu helfen, zu putzen oder in der Küche zu assistieren, wo das Mittagessen für die Mitarbeiter und Freiwilligen gekocht wird.

Ansonsten ist der einzig feste Programmpunkt im Moment Olga, einer Spastikerin aus meinem Zimmer, das Mittagessen anzureichen.

Bis wir vor kurzem hatten wir immer Montags Theaterstunden, wo wir, die Freiwilligen und Pädagogen, mit einigen Bewohnern ein kleines Stück eingeübt haben, das wir am Ende für die anderen Bewohner aufgeführt haben.

Die Gestaltung der restlichen Zeit ist mir selbst überlassen.

Da im Augenblick die Sonne oft scheint, verbringen wir Freiwilligen mit den Behinderten viel Zeit an der frischen Luft, spielen im Park, der das Gebäude umgibt, gehen spazieren oder sogar baden.

 

Am ersten Juni wird in Russland der Tag der Kinder gefeiert.

Aus diesem Anlass wurde im Kinderheim in Pawlowsk ein Fest gefeiert, wo alle Perspektiven Freiwilligen zu Gast waren und mitgeholfen haben.

Es war sehr interessant, ein weiteres Projekt von Perspektivy kennen zu lernen.

Ähnlich wie in Peterhof, handelt es sich um eine staatliche Einrichtung für Kinder mit Behinderung und Perspektivy betreut dort einen Korpus.

Das Gebäude ist zwar besser renoviert und scheinbar sauberer als in Peterhof, die Behinderten halten sich jedoch scheinbar eher in ihren Zimmern auf. In Peterhof halten sich viele ständig auf dem Korridor auf und die Station ist immer sehr lebendig, bunt und laut.

An diesem Tag habe ich mich um ein kleines Mädchen namens Sascha gekümmert, die im Rollstuhl sitzt und weder reden, noch wirklich selbstständig aufrecht sitzen kann.

Wir haben erst das kleine Spektakel mit dressierten Tieren, Tanzeinlage und Musik bestaunt und dann verschiedene Spielangebote, wie zum Beispiel selber musizieren, Seifenblasen machen oder malen, genutzt.

Ich habe den Eindruck gewonnen, als wären die meisten der Kinder um einiges weniger selbstständig und fit, als unsere Erwachsenen in Peterhof und frage mich, ob sie wohl vieles erst viel später oder langsamer lernen werden. Denn einige unserer Bewohner in Peterhof haben wohl bis zu ihrem 18. Lebensjahr in Pawlowsk gelebt und sind, wie gesagt, weitaus selbstständiger als diese Kinder. Mich beschäftigt auch die Frage, was aus den Kindern wird, die wenn sie 18 werden nicht nach Peterhof kommen.

 

Ab dem 12. Juni, pünktlich, um die Weißen Nächte mitzuerleben, waren meine Eltern und mein Großonkel und meine Großtante, Peter und Monica Hansen, hier in Sankt Petersburg zu Besuch. Meine Eltern waren eine ganze Woche und die anderen beiden vier Tage lang hier.
Es war richtig toll für mich, ihnen ein Stück weit näher bringen und live zeigen zu können, wie ich hier lebe und arbeite.

Außerdem war es natürlich total schön, meine Eltern, von denen ich noch nie solange getrennt gewesen bin, nach acht Monaten wieder in die Arme zu schliessen.

An drei Tagen in dieser Woche musste ich arbeiten. An einem davon habe ich die vier für ein Stündlein mit zur Arbeit genommen, um ihnen das Psychoneurologische Zentrum in Peterhof zu zeigen.

Die gemeinsame freie Zeit haben wir mit Kultur-Programm gefüllt und alle sehr genossen.

 

Kurz nach dem Besuch meiner Eltern bin ich ein zweites Mal in diesem Jahr umgezogen. Dieses Mal in eine Freiwilligen-WG der Organisation Perspektivy, für die ich inzwischen ja auch arbeite.
Glücklicherweise lebe ich nach wie vor im Zentrum der Stadt und komme auch mit meinen drei neuen Mitbewohnerinnen -zwei Deutsche und eine Russin- sehr gut klar.

Mein neues Zimmer ist zwar kleiner und die gesamte Wohnung ein wenig dunkler und schmutziger als die bisherige und die Trennung von meiner bisherigen Mitbewohnerin Caro war traurig, aber ich fühl mich zwischen den bunt bemalten und beschrifteten Wänden und abstrusen, von ehemaligen Freiwilligen hinterlassenen Dekorationen, pudelwohl.

Der einzige Wermuts-Tropfen ist wohl, dass ich nun auf einer der Inseln, also auf der andren Newa-Seite, lebe und mich mit meinem wochenendlichen Nacht-Programm nach den Öffnungs-Zeiten der Brücken richten muss.

 

Im Augenblick habe ich mehrere Bewerbungen für ein Bachelor Studium in Soazialer Arbeit und auch eine für Grundschul-Lehramt am Laufen, weiß jedoch noch nicht, wohin es mich verschlagen wird, wenn ich bald wieder nach Deutschland komme.

Diese Ungewissheit beschäftigt mich sehr und ich merke, dass ich gedanklich bereits oft nach Deutschland abschweife.

Das ist schade, denn gerade jetzt erlebe ich hier, wie gesagt, eine sehr schöne und intensive Zeit, die ich noch in vollsten Zügen auskosten will.

Ich versuche, so gut es geht, im Hier und Jetzt zu sein und freu mich zu allererst einmal auf das Sommerlager mit den Menschen mit Behinderung, das vom 11.-15. Juni stattfinden wird und auch auf meine Schul-Freundin Luise, die mich bald besuchen wird.

 

 

Viele liebe Grüße

aus der Sonne

von

Verena

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