Mein 4. Erfahrungsbericht

03.05.2010
4. Erfahrungsbericht
Verena in St. Petersburg

Heute, an einem der ersten nicht-sonnigen Tage seit einer ganzen Weile, nehme ich mir die Zeit, meinen vierten Erfahrungsbericht für Euch zu verfassen. Die letzten paar Wochen war es meist sonnig und ich habe das Gefühl zu merken, wie es täglich ein klein wenig länger hell ist – die Weißen Nächte sind im Anmarsch!
Einerseits freu ich mich riesig auf den Sommer hier, andererseits heißt das auch, jetzt sind es wirklich nur noch vier Monate, die ich hier verbringen werde. Nachdem die ersten paar Monate so schnell verflogen sind, habe ich das Gefühl, meine Heimreise sei schon zum Greifen nah – schade.

Bis gestern waren für knapp zwei Wochen meine ersten Besucher aus Deutschland, mein Bruder (Arne) und eine gemeinsame Freundin (Jorina), hier. Wir hatten eine sehr schöne und glücklicherweise sonnige Zeit.
Wir haben natürlich das unerschöpfliche kulturelle Angebot hier genossen und uns so viel Gold, Kunst und Prunk angesehen, bis wir es gar nicht mehr sehen konnten. Vom einfachen Spaziergang den Nevsky Prospekt entlang, über den Ausblick vom Dach der Isaaks-Kathedrale, bis zum Besuch des Katharinen–Palastes in Pushkin, haben wir uns nichts entgehen lassen.
Sowohl in der Heremitage, als auch in den verschiedenen Palästen und Kirchen habe ich da erst gemerkt, dass es oft super-viele schöne kleine Dinge – Bilder, Verzierungen, Geschirr, Möbel … – zu sehen gibt, doch die sind dann in einem Gebäude so angehäuft, dass es als ganzes sehr erschlagend und vielleicht auch ein bisschen protzig wirkt.
Wir haben einen Samstag mit einigen Freunden am Laduga-See verbracht, der nord-östlich von St. Petersburg liegt und der größte Süßwasser-See Europas ist. Dort haben wir gepicknickt, „gechillt“  und uns den ersten Sonnenbrand des Jahres zugezogen, während der See zum Teil noch zugefroren war.
Arne hat mich einmal ins Dom Maletzkovo begleitet, um meinen Arbeitsalltag kennen zu lernen,  aus diesem Grund sind die beiden am Montag auch nach Peterhof, ins Psychoneurologische Zentrum, mitgekommen, wo ich seit Mitte März immer Montags arbeite und von Juni bis September täglich arbeiten werde.

Da die Caritas im Sommer von Juni bis August paralell zu den Schulferien eine Pause einlegt, werde ich “arbeitslos” sein und habe für diese Zeit eine Stelle im Psycholeurologischen Zentrum im Internat in Peterhof.
Ich fange nun schon an, immer Montags dort zu arbeiten, weil mir knapp drei Monate dort zu wenig wären, außerdem hab ich Montags immer fast frei.
Aber eben nur fast – meine Nachhilfe-Kids musste ich dafür leider aufgeben, doch die haben inzwischen schon einen neuen Französisch-Nachhilfe-Lehrer. Die Entscheidung „meine“ Kids „im Stich zu lassen“ fiel mir doch etwas schwer, aber ich fühle mich in Peterhof, wo meine Nachfolger wahrscheinlich auch arbeiten werden, super-wohl.
In der Einrichtung leben circa 1000 Menschen und zwei der Stationen werden von der Organisation Perspektivy betreut, der Rest staatlich. In den Perspektivy-Stationen arbeiten viele Detusche, Russische und Polnische Freiwillige, die meist für jeweils ein Zimmer zuständig sind. Auch ich habe jetzt ein “eigenes” Zimmer. Dort leben fünf größtenteils sehr fitte Frauen, so dass es auch gut machbar ist, dass ich erst mal nur einmal wöchentlich kommen werde.
An meinem ersten Arbeitstag habe ich Olga, die in “meinem” Zimmer lebt, das Essen angereicht. Ich habe sie in kürzester Zeit lieb gewonnen, auch wenn sie mir einiges an Essen auf den Pulli gespuckt hat, weil sie so erfreut war mich kennen zu lernen, dass sie beim Essen lachen musste, was dann in Husten endete.
Ich hätte erwartet, dass mir solche Arbeit viel schwerer fallen würde und ich mich womöglich ekeln oder unwohl fühlen würde – im Gegenteil!

Natürlich gibt es keinen Bericht von mir ohne eine kleine Abenteuer-Geschichte!
Bei einem Frühlings-Spaziergang im Zentrum mit einigen Freunden, wurden zwei der Jungs von der Polizei dabei erwischt, wie sie in einem Hinterhof pinkelten, und mit aufs Revier genommen. Wir andren waren erst mal ziemlich erschreckt und besorgt, hatten wir doch von einem Russischen Freund gehört, dass jemand dafür schonmal von der Miliz (Polizei) verprügelt wurde.
Vielleicht hatten wir Glück, dass einer der beiden Deutscher war, den die Polizei also nur drei Stunden festhalten darf und bei dem sie sich zudem so etwas nicht trauen würde. Die beiden wurden für gut drei Stunden in einem dunklen Van und auch im Revier festgehalten, befragt ob sie Alkohol getrunken haben und dann laufen gelassen.
Ich vermute, die Milizionäre hätten für ein paar Rubel auch gleich ein Auge zugedrückt und das Geld in die eigene Tasche gesteckt. Sowas hört man recht häufig von der, bei den Landsleuten äußerst unbeliebten und sicher auch gefürchteten, Polizei. In dem Fall sind meine zwei Freunde mit einem Denkzettel und ohne sonstige Konsequenzen weggekommen.
Selbstverständlich ist mir klar, dass es nicht besonders fein von ihnen war, ihre Notdurft in diesem Hof zu verrichten!

Nun bin ich ganz gespannt, auf den Tag des Sieges, der hier am 9. Mai ganz groß gefeiert werden wird. Die Parade werde ich mir nicht entgehen lassen.
Außerdem freu ich mich schon riesig auf meinen nächsten Besuch, der im Juni kommen wird – meine Eltern, die ich seit acht Monaten bis auf ein kurzes Treffen mit meiner Mama nicht gesehen habe.
Es wird also auch im nächsten Bericht haufenweise hoffentlich ebenso sonnige Dinge zu erzählen geben!

Viele liebe Grüße
aus St. Petersburg
von
Verena

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