Mein 3. Erfahrungsbericht

 

10.03.2011

    3. Erfahrungsbericht 

    Verena in Sanktpetersburg

 

Juhu – ich glaub, der Frühling kommt!

Nachdem ich in meinem letzten Bericht so laut herum posaunt habe, es sei ungewöhnlich warm, ist es zwar -wie zum Trotz- so richtig kalt geworden, aber nun kündigt sich auch hier der Frühling an.

Ich hab erlebt, wie sich -30°C anfühlen, habe es überstanden und freue mich jetzt über immer längere Tage, schmelzenden Schnee und vor allem über Temperaturen, die nicht mehr unter -10°C fallen.

Entgegen meiner Erwartung waren -30°C nicht so schlimm. Strahlend blauer Himmel und Sonnenschein haben die Kälte wieder wett gemacht.

Schön dick eingepackt hat es sich auch gelohnt, auf der gefrorenen Ostsee einen Spaziergang zu wagen. Auch wenn der Atem an den Haaren, die aus der Mütze lugen, gefriert, ist es unersetzlich, auf einer scheinbar unendlichen Schneefläche zu laufen, unter der das Meer liegt.

 

Nicht nur der Frühling erfreut mich, sondern auch meine Erfolge beim Russisch Lernen.

Mit den meisten meiner Freunde spreche ich zwar Englisch und bei der Arbeit gebrauche nur einen auf meinen Aufgabenbereich begrenzten Wortschatz, doch ich erweitere mein darüber hinaus reichendes Wissen ständig.

Eine große Hilfe ist mir dabei Anja, meine Russisch-Lehrerin. Wir treffen uns einmal wöchentlich. Ich merke, dass mein passiver Wortschatz (wie das beim Sprachen-Lernen ja immer ist) schon viel größer ist, als mein aktiver.

Ich geniesse es, inzwischen vieles zu verstehen, was um mich herum gesagt wird.

Das Gefühl, nicht verstanden zu werden und nicht zu verstehen, war vor allem zu Beginn meiner Zeit hier sehr stark. Ich habe gemerkt, wie Leute aus meinem geringen Russisch-Wissen geschlossen haben, ich sei weniger klug. Ich kam mir oft so vor, als würden sie mich wie ein kleines Kind oder einen begriffs-stutzigen Menschen behandeln. Ich habe begriffen, dass ich bei Ausländern, die in Deutschland leben und nicht allzu gut Deutsch sprechen, oft den selben Fehlschluss gezogen habe. Das wird mir so schnell nicht mehr passieren!

 

Ich bin nicht die einzige, die beim Lernen einer Sprache Erfolg hat, auch „meine Französisch-Kids“ im Ostrowok, dem Kinderzentrum, machen Fortschritte und meine Nachhilfe scheint Früchte zu tragen.

Es ist ein tolles Gefühl, wenn ein Kind zu mir kommt, mir eine gute Note zeigt oder mich am Ende der Nachhilfe-Stunde bittet, „nur noch diesen einen Absatz mehr“ mit ihm zu lesen, weil es ihm gerade Spaß macht.

Leider sind nicht alle so erfolgreich und motiviert. Aber ich bleib dran, gebe mir auch mit den widerwilligeren Schülern größte Mühe und freue mich über jeden großen und kleinen Erfolg.

 

Genau wie die Arbeit im Ostrowok, macht mir auch die Arbeit im Dom Maletzkovo, der Tagesstätte für Menschen mit Behinderung, nach wie vor großen Spaß.

Dennis, einer der Besucher, war eine Weile lang recht aufdringlich. Ihm schien einfach nicht bewusst zu sein, dass manche Berührungen distanzlos sind und mir unangenehm sein könnten.

Ich habe es geschafft, ihm beizubringen, was für mich in Ordnung ist und was nicht. Wir haben nun ein Zeichen, bei dem er weiß, dass er weiter nicht gehen darf. Das ist schön, denn nun kann ich auch mit ihm unkompliziert und selbstverständlich umgehen.

Ich muss gestehen, ich habe auch einen Liebling in der Einrichtung.

Natürlich gebe ich mein Bestes, allen das Gefühl zu geben, gleichermaßen gern gehabt zu werden. Doch genau wie ich ihn, hat Serjoscha mich wohl auch ins Herz geschlossen. Als es noch warm genug war hat er oft morgens an der Straßenecke auf mich gewartet und wenn ich mal nicht gekommen bin, fragt er scheinbar viel nach mir und vermisst mich.

In letzer Zeit war er oft sehr müde, wirkte abwesend und reagierte kaum noch, wenn man ihn ansprach.

Also ist er nun in Kur und danach laut der Projektleiterin wahrscheinlich in einer Einrichtung, „wo er hauptsächlich liegen wird“.

Sehr schade, denn ich vermute, dass es sich dabei um eine staatliche Einrichtung handeln könnte, wo er mit Medikamenten ruhig gestellt werden und tatsächlich nur liegen würde.

 

Natürlich habe ich seit meinem letzten Bericht nicht nur gearbeitet, sondern auch Spaß gehabt und Abenteuer erlebt.

Ein großes Abenteuer war zum Beispiel der Wasserrohr-Bruch in der Küche.

Während meine Mitbewohnerin Carolin auf einem Seminar und ich allein hier war, brachein Rohr, aus dem dann unaufhaltsam heißes Wasser strömte.

Ich stand also da in einem großen sehr nassen und warmen Haufen Handtücher und wartete auf den zahnlosen, fröhlich singenden Techniker. Der hat mich zum Glück nicht enttäuscht und kam sehr bald und brachte ganz fix alles wieder in Ordnung. Was für eine Aufregung!

 

Am 23. Februar war hier Tag des Vaterlands-Verteidigers. Carolin, Josefine (eine weitere Deutsche Freiwillige) und ich haben das damit verbundene lange Wochenende für eine kleine Reise nach Moskau genutzt, wo wir Freunde besucht haben.

Die Moskauer Freunde hatten wir im Januar zufällig hier in St. Petersburg kennen gelernt.

Wir haben eine Kunstgalerie besucht, natürlich den Roten Platz, sind einfach mal herum gebummelt und haben die Stadt auf uns wirken lassen. Wir waren auch bei Carsten Heinrich in der Universität zu Besuch. Dort sind wir aufs Dach gestiegen, von wo aus man einen einmaligen Blick über die Stadt hat.

Moskau ist ganz anders als St. Petersburg, aber ich finde es auf seine Art auch recht charmant. Die Stadt schläft wirklich nie. Selbst nachts kann man da in einen Verkehrsstau geraten. Man könnte sagen, St. Petersburg, das mir, als ich aus Waldshut kam, so schnell vorkam, döst nachts.

 

Nach vier schönen und aufregenden Tagen in Moskau sind wir dann wieder nach hause gefahren, wo ich ziemlich direkt im Anschluss Besuch von Inge Shabli aus Deutschland hatte, da wir vom Verein Miteinander in Russland e.V. am darauf folgenden Wochenende hier ein Zwischenseminar hatten.

Das Seminar war sehr spannend, hilfreich und schön.

Ich habe es genossen „meinem“ Verein „mein“ St. Petersburg präsentieren zu könne, mit den dreien (Carsten, Inge und Robert Schönfelder) zu reflektieren und zu planen und mich beraten zu lassen, wie es weiter gehen wird in den kommenden sechs Monaten.

 

Jetzt ist ja tatsächlich schon die Hälfte meines Aufenthaltes hier vorbei und ich kann kaum glauben, wie schnell es gegangen ist und wie wohl ich mich hier fühle.

Ich bin mir sicher, die restlichen Monate werden genauso toll sein und leider auch genauso im Fluge vergehen, wie die Zeit bisher.

 

Viele liebe Grüße von Verena

aus St. Petersburg, das langsam auftaut und wärmer wird !

Oben links: Auf der gefrorenen Ostsee; oben rechts: auf dem Roten Platz mit Josefine;

unten: Ein Gruppenfoto vom MIR-Zwischentreffen (von links nach rechts: Inge Shabli, ich, Robert Schönfelder, Carsten Heinrich)

 

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