Erfahrungsbericht Nr. 2

Einen wunderschönen guten Tag und liebe Grüße aus Sankt Petersburg sendet Euch Stefanie.

Es ist Ende Januar und der 5. Monat meines Freiwilligendienstes hier neigt sich dem Ende.
Es ist einiges passiert in dieser Zeit. Nicht lange nach dem Seminar des EFDs wurde ein Seminar von unserer Aufnahmeorganisation, Perspektivy, für uns Freiwillige organisiert. Wir waren dazu in einem Hotel in Repino, etwas außerhalb der Stadt. Der kleine Ort ist wunderschön am Finnischen Meerbusen gelegen. Vom Hotel aus waren es 5 min. zu laufen und man war am Meer, Sandstrand, Wellenrauschen, Wind. Wunderschön!

Das Seminar selbst war interessant. Es war sehr abwechslungsreich und vor allem sehr praxisorientiert. Es gab eine Einheit zur Selbsterfahrung, in der wir gefüttert wurden, im Rollstuhl geschoben (blind!) und als Blinde ohne Worte geführt wurden. Wir durften Szenen nachspielen, die uns allen nicht fremd waren und nachspüren, wie man sich als beeinträchtigter Mensch in der Situation fühlt und als Beobachter erkennen, was für Fehler als Freiwilliger gemacht werden könnten.
Es hat sehr viel Spaß gemacht, war aber auch sehr beeindruckend. Ich hätte nicht gedacht, dass es mir derart schwerfallen würde, mir nicht das Kinn abzuwischen, wenn beim Füttern etwas daneben ging und wie unangenehm sich das anfühlt. Oder wie schnell man die Orientierung für Richtung und Zeit verliert, wenn man stumm und blind im Rollstuhl geschoben wird. Ich konnte die Richtung nach kurzer Zeit nur noch wage vermuten, es kam mir unglaublich lang vor und Erschütterungen stauchten sehr, da keiner vor einem Schlagloch oder einer Wurzel warnte. Diesen Teil des Seminars fand ich am spannendsten. In anderen Einheiten bekamen wir gezeigt, wie man Personen richtig hebt, Zähne putzt, Rollstühle handhabt…Und natürlich gab es auch genügend Zeit, die anderen Freiwilligen besser kennen zu lernen. Wir waren 40 Freiwillige aus den verschiedenen Einrichtungen von Perspektivy.

Am ersten Dezemberwochenende würde uns die Möglichkeit gegeben, als Freiwilligengruppe nach Moskau zu fahren. Wir fuhren mit dem Zug über Nacht. Das war als Gruppe natürlich witziger als allein. Untergebracht waren wir in einer Walddorfschule etwas abseits vom Zentrum. Sie waren dort so gut ausgestattet, dass jeder von uns eine Matratze haben konnte! Nachdem wir uns etwas von der Zugfahrt erholt hatten (also nochmal geschlafen), starteten wir zu einem kleinen Stadtrundgang. Wir fuhren mit der Metro in die Stadt und liefen zum Roten Platz und dem Kreml. Dann konnte jeder machen, was er wollte. Wir besuchten eine Kunstgalerie bzw. eine ehemalige Weinfabrik, in der ein ganzer Komplex von Galerien untergebracht ist. Es gab einige sehr schöne Ausstellungen zu betrachten, die meisten waren Fotos oder Bilder. Am Sonntag besuchten wir ebenfalls eine Galerie, dann liefen wir noch ein bisschen herum und 22.00 Uhr fuhr unser Nachtzug zurück.

Mir hat Moskau sehr gut gefallen. Es war ruhiger als Sankt Petersburg, auch fühlte ich mich nicht so eingequetscht wie hier. Die Häuser hatten nicht alle eine einheitliche Größe, es war nicht alles so zugebaut. Vor allem das Ufer der Moskva hat mir gefallen, weil die Häuser nicht bis zum Uferrand gebaut waren. Es gab sehr viel Grün, auch mitten in der Stadt. Die Menschen liefen ruhig umher und wirkten sehr viel freundlicher als die Petersburger. Ich weiß nicht, warum in der Stadt so wenige Menschen unterwegs waren, die Metros so angenehm leer. Vielleicht war der Grund das Wahlwochenende, oder weil eben einfach Wochenende war oder es war die Kälte…Moskau bleibt mir jedenfalls in sehr guter Erinnerung.

Um die Weihnachtszeit gab es einige Veranstaltungen von Perspektivy, auch für uns. Es wurde ein russischer Abend von den russischen Freiwilligen gestaltet. Sie hatten viele russische Speisen vorbereitet und es wurden viele Spiele gespielt. Offensichtlich gehören Spiele in Russland zu jeder guten Party, was ich sehr gewöhnungsbedürftig finde. Dann gab es noch einen Weihnachtsabend, extra für uns Deutsche, zur Zeit des deutschen Weihnachtsfestes.
Die Organisation lud am 19. Dezember zur Jahreshauptversammlung ein, in der alle Projekte einen kleinen Beitrag leisteten, um so die Arbeit des vergangenen Jahres im Projekt den anderen Mitarbeitern vorzustellen. Es wurde über die Finanzierung gesprochen. Es wurden Preise verteilt an besonders gute Pädagogen, Vorgesetzte…Leider war der ganze Abend auf Russisch gehalten, was dazu führte, dass man kaum etwas verstand und große Teile des Abends einfach vorbeizogen.

Ein besonderes Highlight für mich war ein Rockkonzert, welches ich als Begleitung einer Gruppe von Bewohnern besuchen durfte. Es war in einer großen Halle und stand unter dem Motto „Es ist Zeit für Gleichberechtigung!“. Ich habe durch dieses Konzert einige gute russische Bands kennenlernen dürfen und hatte eine Menge Spaß mit den Bewohnern. Das war richtig schön!

Das Allerschönste geschah am 17. Dezember. Denn da kam mein Partner Kressin hier an, um einen Monat hier zu leben und mit mir zu arbeiten. Das war eine wunderschöne, ruhige und entspannte Zeit. Wir hatten einige Tage frei und fuhren z.B. zum Katharinenpalast nach Puschkin, um uns das Bernsteinzimmer anzusehen. Es ist viel kleiner als man denkt, wenn man die Bilder in Reiseführern betrachtet.

Das Beste war die Zusammenarbeit mit ihm. Wir bildeten ein gutes Team, haben Ideen entwickelt und umgesetzt. Durch die Arbeit zweier Freiwilliger war unglaublich viel Zeit für die Bewohner. Wir hatten viel Spaß gemeinsam in unserem kleinen abgeschlossenen Bereich.


Aber dazu mehr in meinem nächsten Bericht. Bis dann und eine schöne Zeit wünsche ich Euch!

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