Die Geschichte von Liebe und Zähnen

Die Geschichte von Liebe und Zähnen
So.. wird schon wieder Zeit für einen Bericht.
Der Dezember ist ja quasi durch meinen Urlaub ausgefallen. Ich habe zwei Wochen bei
der Familie verbracht und bin am 29. Dezember wieder hier „zu Hause“ angekommen.
Daher habe ich auch nur über Skype erfahren, dass Leila am 20. Dezember endlich aus
Kaschenko zurückgekehrt ist. Große Freude und Erleichterung.
Am 30. Dezember war mein erster Arbeitstag nach dem Urlaub. Ein Tag, nach dem es
Weihnachtsgeschenke gegeben hatte. Dementsprechend sah Peterhof eher nach
Schlachtfeld aus Geschenkpapier und Süßigkeiten aus, als nach dem, was ich in
Erinnerung hatte. (Ein Schlachtfeld, geleitet von einem inkompetenten Arzt, mit
heruntergekommener Tapete und unfreundlichen Mitarbeiterinnen, die die Überreste
wegmachen).
Meine Zuständigkeit für meine Bewohner hat sich auch ein wenig verändert.
Jedenfalls ein sehr heiterer erster Arbeitstag, eine gut gelaunte Leila und Unmengen an
Süßigkeiten, die bei jedem Diabetiker beim bloßen Anblick zum Tod geführt hätten.
Dann war schon wieder Wochenende und die folgende Woche (2.-6.1.) ist in Russland
anscheinend eine Feiertags-Woche. Meine Kollegen hatten frei, bzw. es gab einen Plan, in
den wir uns für die einzelnen Tage eintragen konnten, an denen wir arbeiteten.
Unser PNI ist doch sehr einsam mit nur einer Hand voll Freiwilligen.
Der Freitag dieser Woche ist mir die ersten Tage noch ganz gut in Erinnerung geblieben.
Das erste was meine noch sehr verschlafenen Augen zu Gesicht bekommen war ein
komplett mit Blut vollgeschmierter Mischa. Mischa wohnt bei Steffi im Zimmer und ist
Geistig einer der schwächsten Bewohner. Mischa klaut ständig Essen und hat den Blick
eines Psycho-Killers. Er wird zur Bannja („Dusche“, ein mal die Woche) regelrecht
geprügelt und bekommt des öfteren von stärkeren Bewohner Schläge und Tritte mit.
Naja. Blutverschmiert also ab zum Waschen. Unser medizinisches Personal war zufälliger
Weise gerade natürlich gesammelt Tee trinken.
Das ich ihm im Gesicht herum gewischt habe, hat Mischa offensichtlich gar nicht gefallen.
Ich habe mich gefühlt, wie in einem Horrorfilm, als Mischa sich plötzlich zu mir umdreht,
mich im dunklen Licht, das die völlig verdreckte Lampe spendet, anguckt als würde er
mich am liebsten fressen wollen und seine noch immer blutverschmierten Hände langsam
in die Richtung meines Gesichtes hebt.
Er ist weder gefährlich noch besonders stark, aber es hat gereicht, mir einen schönen
Frühstücks-Schock zu versetzen.
In der folgenden Woche haben wir eine neue Freiwillige bekommen, die jetzt das Zimmer
auf Station 10 übernommen hat, in dem Vika und Ksjuscha inzwischen wohnen. Ist auf
einer Seite schade, dass ich die zwei abgegeben habe, auf der anderen Seite eine
unglaubliche Erleichterung für mich, da ich viel weniger Zeit mit rennen verbringen muss.
Zeitgleich gab es wieder eine dieser Geist freien Entscheidungen unseres geliebten
Stationsleiters auf unserer Station 3.
Leila, die in Zimmer 7 eingezogen war sollte mit Katja tauschen (Zimmer 6). Um das mal
hier abzukürzen: das Ende vom Lied war schließlich, dass unsere bildungsminderbemittelten
Mitarbeiterinnen nicht Katjas sondern Schannas Bett um geräumt
haben und der Meinung waren das Katja jetzt einfach in diesem Bett zu schlafen hat und
schlussendlich dann doch Schanna umgezogen ist.
Als nächstes der 23. Januar. Eine wöchentliche Versammlung mir unserem Stationsarzt,
der Oberschwester und den Freiwilligen. Begleitet von zwei Reportern, die einige Tage in
Peterhof ein bisschen gefilmt haben.
Uns wurde gesagt, dass in der nächsten Woche mal wieder eine Renovierung ansteht.
Montag geht’s los. Das war die erste Versammlung mit unserer Stationsleitung, bei der wir
überhaupt Fragen gestellt haben, da normaler Weise niemand auch nur ansatzweise Lust
hat mit einem so unfassbar (…) Menschen, wie es unser leitender Arzt ist zu reden.
Ich konnte meine Frage wenigstens noch los werden, bevor der sich in die Ecke gedrängt
gefühlte Arzt die Besprechung ohne plausiblen Grund mit den Worten „Dima! Vsio!“ (Dima!
~Ende/Alles!) beendete.
Auf meine Frage ob denn diesmal wenigstens Katja in ein Zimmer verlegt werden könnte,
statt auf den Flur bekam ich ein ausweichendes aber bestimmtes „Niemand wird auf dem
Flur schlafen!“ als Antwort.
Was passiert am nächsten Tag? Mein Zimmer wird ausgeräumt. So weit, so gut. Alle
meine Betten stehen auf dem Flur. Langsam machen sich Zweifel breit. Was heißt
Zweifel.. ich habe nie wirklich an diese Aussage geglaubt. Ich hatte nur nicht gedacht,
dass dieser Mensch mir so schamlos ins Gesicht lügt. Na gut.. erst mal abwarten.
Ganz interessant war dann aber, dass Freds komplettes Zimmer bei mir eingezogen ist
und meine Mädels von Dienstag bis Donnerstag auf dem Flur geschlafen haben. Mein
Zimmer wurde also nicht geräumt, weil da etwas vorgenommen werden musste, es wurde
nur Platz geschaffen, für Bewohner, die klar genug sind um zu verstehen was passiert.
Am Donnerstag (26.1.) dann haben sie Katja und Leila endlich irgendwo untergebracht.
Die Verteilung sieht jetzt wie folgt aus. Schanna Station 3/Zimmer 7; Leila und Dascha
Zimmer 9; Katja und Oksana Station 9 (liegt noch weiter weg als die 10). Das sind die
Frauen, die ich noch weiter betreue. Wir haben wieder eine neue Freiwillige bekommen,
die das Zimmer 7 übernommen hat. Ich habe jetzt nur noch 5 Frauen um die ich mich
kümmere.
Katja und Oksana leben jetzt, vorübergehend, auf der Station 9 mit alten Frauen
zusammen die an manchen Tagen sehr nervtötend sein können.
Die Station dort ist eigentlich ganz nett gemacht. Es ist ruhig, es liegen viele Teppiche auf
dem Boden, die Wände haben eine angenehme helle Tapete und ganz wichtig: es gibt
besonders nette Mitarbeiter. Und an den Geruch von vor sich hin vegetierenden Menschen
gewöhnt man sich auch mit der Zeit.
Trotzdem gibt es etwas was mich gewaltig stört. Nicht an der Station, sondern am System.
Katja hat natürlich wieder Angst ohne Ende die arme. Das Wochenende muss schrecklich
gewesen sein. Ich habe die ganze Woche vorher ihr immer wieder erzählt, dass sie
umziehen wird und mich besonders viel mit ihr hingesetzt. Trotzdem ist sie wohl am
Wochenende wieder ausgerastet.
Jetzt darf ich jeden Morgen ihre Fesseln auf knoten. Sie wird in eine mit Bettlaken
improvisierte Zwangsjacke gesteckt, damit sie sich nicht selber den Schädel einschlägt
bzw. eintritt.
Das kann man leider nicht ändern, weil der Fehler der hier begangen wird auch nicht bei
den staatlichen Mitarbeitern liegt, sondern eben im System.
Die einzige Möglichkeit Katja zu beruhigen ist sich mit ihr LANGE zu beschäftigen und viel
mit ihr zu reden. Diese Zeit hat natürlich niemand vom staatlichen Personal. Es gibt viel zu
wenig Mitarbeiter, zu wenig Leute in der Gesellschaft die bereit sind soziale Arbeit zu
leisten. Das ergibt: Nur zwei Möglichkeiten Katja davor zu schützen sich selbst den
Schädel einzuschlagen. Fixieren oder runter spritzen. Beides weder angenehm noch
menschlich.
Das ist schon echt nicht einfach zu akzeptieren, weil ich jetzt immer wenn ich gehe
Bescheid sagen muss, dass sie jetzt alleine ist. Soll heißen, ich muss Bescheid sagen,
dass sie gefesselt wird.
Was mich noch ganz besonders in Peterhof stört ist die medizinische Versorgung der
Bewohner.
Dass der „Zahnarzt“ den Bewohnern Zähne die nicht mehr vollständig in Ordnung sind
zieht, statt behandelt, ohne Betäubung versteht sich, ist genao so gewöhnungs bedürftig,
wie die Prozedur des zweimal jährlichen Röntgen-scan.
Da wird dann eine sehr schwache Bewohnerin, die mit den Glasknochen, mit Schwung auf
den Tisch gehoben und bis auf die Windel ausgezogen. Dann alle schnell raus, die Tür
zum Flur lässt sich auch nicht von außen schließen. Nur von innen mit einem Riegel, aber
die Ärztin hat gerade wichtigeres zu tun. Also bleibt die Tür zum Flur angelehnt. Muss
reichen.
Dann war Leila dran, auch ohne Bleischürze einfach auf einen Stuhl gesetzt. Serjoscha,
ein sehr stumpfer aber starker Mann der auf unserer Station lebt, bleibt daneben stehen
um sie festzuhalten und zieht es dabei vor sich die, offenbar einzige, Bleischürze lieber um
den Hals zu hängen.
Dann einmal kurz Ganzkörper-Bestrahlung. Fertig.
Tak…. vsio!
Bleibt gesund bei dem bisschen Eis in Deutschland. Das nennt sich „Winter“!
Ich bin jetzt im Januar mal bei -25 Grad morgens zur Arbeit gelaufen.

 

.pdf mit Bildern: Monatsbericht_Januar

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