Carlotta Jost

In Kooperation mit dem gemeinnützigen Verein Miteinander in Russland e.V. (MIR e.V.) habe ich den August und September des Jahres 2015 in Sankt Petersburg verbracht, um dort im Kaniahaus einen verkürzten Freiwilligendienst zu absolvieren.

Zuerst einmal etwas über meine Person. Mein Name ist Carlotta Jost und ich bin 24 Jahre alt. Ich wohne und studiere in Köln. Mein Studium beschäftigt sich mit den Regionalstudien Mittel- und Osteuropa mit den Schwerpunkten Russisch und Rechtswissenschaften. Daher kommt auch mein Interesse an Russland, der russischen Sprache, Kultur und Lebensweise.

Ich war schon des Öfteren in osteuropäischen Ländern und bin an die Lebensumstände vor Ort einigermaßen gewöhnt, so gut wie es für einen Westeuropäer eben möglich ist. Zudem beherrsche ich die Sprache relativ fließend, beides Aspekte, welche mir sehr bei meinem Aufenthalt geholfen habe.

Los ging mein Abenteuer am Flughafen Düsseldorf. Da die Dichte der Flüge nach Russland, durch die momentan etwas angespannte Situation zwischen beiden Ländern sehr nachgelassen hat, musste ich einen Gabelflug über Frankfurt in Kauf nehmen. Am Flughafen St. Petersburg wurde ich dann von einer der beiden, festen Ordensschwestern, die hier schon seit 12 bzw. 9 Jahren leben und arbeiten, in Empfang genommen und herzlich begrüßt. Mit der Marschrutka und Metro haben wir uns dann zusammen in Richtung neues zu Hause für die nächsten 2 Monate begeben.

Mir wurde von der Caritas St.Petersburg für die gesamte Zeit meines Aufenthaltes ein Zimmer zur Verfügung gestellt, welches mit 4 Betten, einem großen Schrank, Tisch, Stühlen und einem eigenen Badezimmer mit Dusche ausgestattet war. Das Zimmer ist direkt im Kaniahaus, so dass ich zur Arbeit nur eine Etage tiefer gehen musste. Außerdem konnte ich auch an meinen freien Tagen immer runter kommen und mitessen oder einfach etwas Zeit mit den Senioren verbringen, wenn mich dann doch mal das Heimweh geplagt hat.

Das Kaniahaus, welches für zwei Monate sowohl mein Arbeitsplatz, Schlafplatz und Rückzugsort war, liegt im Stadtteil Kolymjagin. Es ist etwa 40 min vom Stadtzentrum entfernt, aber prima mit einem Trolleybus zu erreichen.

Die gesamte Anlage besteht aus einer Aus- und Fortbildungsstätte für soziale Berufe, einem Altenpflegeheim, einer kleiner Kapelle, sowie Wohnungen für einige Caristasmitarbeiter, wie z.B. der Direktorin Natalia Pewzowa.

Ich habe die meiste Zeit im Altenheim verbracht und dort versucht, soweit es mir möglich war, die dortigen, 2 festen Ordensschwestern Adriana Godlevska und Jana Jowik, sowie die 3 wechselnden Pflegekräfte zu unterstützten. Die beiden Schwestern leben auch dauerhaft mit den Senioren auf der Etage. Geleitet wird das Heim von Adraina Godlevska seit 12 Jahren, 9 Jahre davon wird sie von Jana unterstützt. Beide Frauen kommen aus Polen, sind aber schon so lange in Russland, dass sie beide Russisch auf muttersprachlichen Niveau sprechen und sich sogar untereinander auf einem Mix aus Polnisch und Russisch unterhalten, der aber auch für mich meistens gut verständlich war. Sonst wurde auf der Arbeit nur Russisch gesprochen, sei es mit den Schwestern, den Pflegerinnen oder eben den Oldies.

In dem Altenheim wohnen zurzeit 18 Bewohner, 16 Frauen und 2 Männer. Die jüngste Bewohnerin ist 57 Jahre und die älteste, die liebe Nina, stolze 97 Jahre alt. Das Alter sagt in diesem Bezug aber rein gar nicht aus. So ist z.B. die 57-jährige Bewohnerin Schenja ein absoluter Pflegefall, die nichts mehr alleine kann, sei es essen, trinken, sprechen oder auf Toilette gehen. Grund dafür ist ein Hämatom im Gehirn. Anders die 97-jährige Nina, für ihr Alter wirklich noch sehr fit ist, nur leider kann sie nicht reden, sondern sich nur mit Lauten und Zeichenspreche verständlich machen. Da sie ein so stolzes Alter erreicht hat, wurden ihr dieses Jahr neue Zähne von einem ehrenwerten Zahnarzt umsonst angefertigt, damit sie wieder normal essen kann.

Meine Arbeit bestand vor allem darin, mit den Heimbewohnern sinnvoll Zeit zu verbringen und sich mit ihnen zu beschäftigen. Zudem habe ich auch beim Essen anreichen, Waschen und den täglichen Reinigungsaufgaben geholfen.

Mit mir zusammen haben immer mindestens eine Schwester und eine, oder sogar zwei Pflegerinnen gearbeitet. Die Pflegrinnen sind nicht wie bei uns als fachlich geprüfte Pflegekräfte ausgebildet. Einzig eine Pflegerin hat früher als Krankenschwester gearbeitet, die anderen beiden sind sozusagen Quereinsteigerinnen. Die Arbeit mit alten Leuten ist häufig körperlich, sowie physisch und psychisch sehr anstrengend, trotzdem waren alle Mitarbeiter immer mit viel Hingabe und Liebe bei der Sache. Besonders die beiden Schwestern waren immer sehr um das Wohl der Bewohner bemüht und haben alles dafür getan, dass sich der Gesundheitszustand der Bewohner nicht verschlechtert, was teilweise in halb erzwungenen Spaziergängen über den Korridor oder der zehnten Aufforderung zum Essen geführt hat. Nicht immer waren die Senioren davon begeistert, aber die Schwestern haben ihre Schützlinge wirklich gut im Griff und ließen nur sehr selten Wiederworte zu.

Besonders anzumerken ist auch die Atmosphäre der alten Menschen untereinander. Es wurde versucht, soviel wie möglich im Verbund zu machen und es war ihnen untersagt, tagsüber alleine im Zimmer zu sitzen. Sie sollten lieber miteinander Zeit verbringen, sich Geschichten von früher erzählen, gemeinsam spielen und singen. Dieses Wir-Gefühl war wirklich eine unglaubliche Erfahrung und es war so schön zu erleben, dass keiner der alten Menschen seinen Lebensabends alleine für sich lebt, selbst wenn sie keine Verwandte und Freunde mehr haben oder diese sich einfach nicht mehr um sie kümmern. Dieses Wir-Gefühl war wie ein heiliges Gut und wurde von allen auch so gelebt.

Mein Arbeitstag begann in der Regel um halb neun. Die fitteren Senioren haben sich dann im Gemeinschaftsraum zum Morgensport bzw. zur Dehnung versammelt, wobei immer eine Person das Kommando gegeben hat. Die drei bettlägerigen Bewohner wurden dann zuerst gefüttert und danach gab es Frühstück für die restlichen Bewohner. Nach dem Frühstück wurde alles gespült, gewischt und gefegt und danach gab es Frühstück für die Mitarbeiter, welches auch zusammen im Esszimmer eingenommen wurde. Bei der Gelegenheit konnte man sich über den anstehenden Arbeitstag austauschen und die Aufgaben verteilen. Ich habe eher die leichteren Aufgaben übertragen bekommen und sollte einfach unheimlich viel Zeit mit den Senioren verbringen. Besonders gut haben sich dafür Spiele wie Memory, Domino und Bingo angeboten. Wenn schönes Wetter war, wurde von einigen Bewohnern der Vormittag auch auf der Straße an der frischen Luft verbracht. Die anderen Bewohner haben den Vormittag im Gemeinschaftsraum verbracht. Der Vormittag wurde auch immer genutzt, um die Heimbewohner abwechselnd zu waschen.

Punkt zwölf gab es Mittagessen und danach haben sich die Senioren bis drei Uhr hingelegt, ausgeruht oder einige auch geschlafen. Die Mitarbeiter haben dann immer erst zusammen Mittag gegessen und danach hatte jeder eine bis anderthalb Stunden für sich, die ich immer in meinem Zimmer verbracht habe. Um drei ging es dann wieder runter und es wurde weiter gespielt, gesungen oder bei ganz schlechtem Wetter auch mal etwas Fernsehen geguckt. Jedoch möchte ich ausdrücklich anmerken, dass das Fernseh gucken nur nach dem Abendbrot täglich erlaubt war und halt bei ganz schlechten Wetter, jedoch in wirklich eingeschränktem Maße.

Um fünf Uhr gab es dann auch schon wieder Abendbrot, und damit endete auch mein offizieller Arbeitstag. Ich durfte mir danach aber auch noch etwas vom dem Essen nehmen oder einfach mit den Senioren zusammen Fernseh schauen, wenn ich das wollte. Ich habe 3 Tage in der Woche gearbeitet und ab und zu einen Tag am Wochenende, so dass wirklich noch genug Zeit blieb, um mir die Stadt anzusehen oder andere Sachen zu unternehmen. Hatte ich mal ein besonderes Anliegen war es auch schon mal möglich, einen Tag mehr in der Woche freizubekommen. Zudem habe ich meinen Aufenthalt genutzt, um ein bisschen durch Russland zu reisen, sodass ich an einem Wochenende nach Moskau und Nischni Nowgorod gefahren bin. Das war nach Absprache mit den Schwerstern aber auch überhaupt kein Problem, denn den Schwestern lag es sogar sehr am Herzen, dass wir nicht nur arbeiten sollten, sondern auch was von der Stadt und dem kulturellen Leben in St.Petersburg sehen.

Eine meiner größeren Aufgaben war die Grundreiningung auf der Etage, welche zweimal im Jahr in diesem Ausmaße stattfindet. Innerhalb von drei Tagen haben wir alle Zimmer incl. Fenster komplett gereinigt. Zum Dank für meine Hilfe habe ich Karten fürs Balett von den Schwestern geschenkt bekommen.

Tatkräftig bei meiner Arbeit unterstützt hat mich die liebe Anna-Sophia für 3 Wochen. Anna-Sophia kommt auch aus Deutschland und wollte eigentlich in Sibirien bei einem gemeinnützigen Projekt helfen, aber da in Russland nichts klappt, sowie man sich das vorstellt, ist sie zufälligerweise in Sankt Petersburg im Kaniahaus gelandet. Ich muss sagen, dieser Zufall hat sich im Nachhinein als großes Glück herausgestellt. Wir haben die 3 Wochen zusammen gearbeitet, in einem Zimmer gelebt und so gut wie die gesamte Zeit miteinander verbracht. Wir haben unglaublich viel erlebt und gesehen. Bei der Arbeit wurden wir aber meistens getrennt, so dass nicht die Gefahr bestand, untereinander Deutsch zu reden. Zudem hat meistens eine von uns im Gemeinschaftsraum und die andere bei den Senioren an der frischen Luft mitgeholfen.

Die Arbeit mit den alten Menschen hat mir sehr viel Spaß bereitet, und es war sehr interessant zu entdecken, was für aufregende bis tragische Lebensgeschichten hinter jedem einzelnen Menschen stecken. Ich habe nicht selten Lebensweisheiten mit auf den Weg bekommen, und je mehr Zeit ich mit ihnen verbracht habe, desto offener worden sie. Manche waren von Anfang an schon sehr zugänglich und bei anderen hat es seine Zeit gedauert, aber auch das war nur eine weitere Herausforderung. Mit der Verständigung hat es überraschenderweise ziemlich gut funktioniert, auch wenn die Ohren nicht mehr bei allen so arbeiten, wie sie sollten. Es hat immer einer verstanden was ich wollte und für die anderen übersetzt.

Zusätzlich haben wir uns noch andere Projekte von der Caritas angeschaut wie z.B. die Suppenküche Tatjana. Hier wird bedürftigen alten Menschen jeden Tag ein kostenloses Mittagessen ausgegeben. Oft ist dies die einzige warme Mahlzeit, die sie überhaupt zu sich nehmen, da am Ende des Monats nicht mal Geld für ein Stück Brot da ist.

Des Weiteren haben wir dem Bischof-Malezky-Haus einen Besuch abgestattet. Dieses Haus ist eine Tagesstätte für geistig behinderte Menschen, welche von der wirklich sehr liebenswürdigen Olja geleitet wird. Wir haben zusammen eine Bootsfahrt auf der Newa unternommen, und ich war auch noch bei dem Feiertag des Tageszentrum dabei, wo so ein lustiger Wettbewerb auf der Tagesordnung stand und ich in der Jury sitzen durfte.

Ein weiteres Projekt, das ich mir angeschaut habe und für mich äußerst interessant war, ist der soziale Jugendtreff „Ostrowok“, welcher momentan von Irina geleitet wird. Ostrowok hat wochentags von 14-20 Uhr geöffnet und bietet ca. 12-15 Jugendlichen im Alter von 10-16 Jahren einen Möglichkeit, ihre freie Zeit gemeinsam zu verbringen. Diese Jugendlichen kommen meist aus einem schwierigen Elternhaus und haben auch so mit einigen Problemen im Alltag zu kämpfen. Das Ziel von Ostrowok ist es, diese Jugendlichen aufzufangen und ihnen eine Zukunftsperpektive zu bieten. Zudem sollen sie ihre Freizeit sinnvoll gemeinsam verbringen, so dass sie nicht auf dumme Ideen kommen und den ganzen Tag sinnfrei auf der Straße sind, wo die Gefahren des Großstadtlebens auf sie warten. Anfangs wird zusammen zu Mittag gegessen, anschließend wird gespielt, zusammen Hausaufgaben gemacht und bei verschiedenen Problemen geholfen. Ein besonderes Augenmerk legt Ostrowok auf die richtige Spracherlernung, da das besonders im Hinblick auf die Zukunft und die Jobwahl eine große Rolle spielen wird. Viele von den Kindern haben einen Immigrationshintergrund, d.h. mindestens ein Elternteil stammt nicht aus Russland, sondern aus den ehemaligen Sowjetrepubliken Usbekistan oder Tadschikistan. Es kommt auch nicht selten vor, dass diese Kinder alleine mit ihrer Mutter leben, da der Vater wieder zurück in die Heimat gegangen ist und keinen Kontakt mehr wünscht, da er dort bereits eine andere Familie hat. Diesen Kindern fällt es besonders schwer, die russische Sprache richtig zu erlernen und anzuwenden, so dass zweimal die Woche eine Sprachlehrerin kommt und ihnen bei den Schwierigkeiten der russischen Sprache hilft. Zudem ist Ostrokwok auch Anlaufstelle für junge Immigranten, die gerade erst nach Russland gekommen sind und somit aus bürokratischen Gründen noch nicht zur Schule gehen können. Diese Kinder werden auch bei der Spracherlernung unterstützt und sollen in Kontakt mit anderen Jugendlichen kommen. Eine wirklich buntgemischt Runde, wo jeder Tag anders als der vorherige verläuft, wie mir glaubhaft versichert wurde.

Mein Aufenthalt in Sankt Petersburg fand mit einer von der Caritas organisierten Exkursion nach Iwangorod, ein geschichtsträchtiges Städtchen direkt an der estnischen Grenze sein Ende. Bei der Exkursion hatte ich nochmal die Möglichkeit neue Plätze zu entdecken, etwas mehr über die russische Geschichte zu lernen und viele Mitarbeiter der Caritas noch ein Stückchen besser kennen zu lernen. Alle Mitarbeiter waren immer sehr offen und freundlich mir gegenüber, zudem waren sie stets bemüht mich zu integrieren und mir so viel wie möglich zu zeigen. Ich habe wirklich gerne Zeit in den verschiedenen Projekten verbracht.

Auch wenn es sich nur um einen Zeitraum von zwei Monaten gehandelt hat und keinen vollständigen Freiwilligendienst von einem Jahr habe ich troztdem so viel gesehen, erlebt und gelernt. All diese Erfahrungen, Besuche und Erlebnisse haben mir wirklich einen ganz neuen Einblick in die russische Gesellschaft gegeben. Auch in einer so reichen und wunderschönen Stadt wie St. Petersburg, wo oberflächlich alles glänzt, gibt es viele ungelöste soziale Probleme. Leider kann man häufig nicht auf den Staat zählen, so dass Organisationen wie die Caritas einspringen müssen und die Arbeit verrichten, die der Staat versäumt.

Ich werde noch lange von dem Erlebten zehren und mit einer anderen Sichtweise auf Vieles durch die Welt gehen. Ich bin sehr dankbar, dass ich diese Erfahrungen machen durfte und habe dabei so viel für mein eigenes Leben gelernt, was mir auch in der Zukunft bestimmt noch öfter hilfreich sein wird.

Ich möchte mich an dieser Stelle auch nochmal ganz herzlich bei allen Beteiligten bedanken, die mir diesen Aufenthalt ermöglich haben. Einen besonderen Dank gilt es der Organisation MIR e.V., den beiden Schwestern Jana und Adriana, sowie dem ganzen Team von der Caritas Sankt Petersburg. All diese Personen haben mich während des gesamten Aufenthaltes, sowie der Vor- und Nachbereitung tatkräftig unterstützt und mir jederzeit Hilfe angeboten, wenn es notwendig gewesen wäre. Ich habe mich sehr willkommen gefühlt und war gerne ein Teil dieses tollen Teams während meiner Zeit hier.

Es folgen noch viele Bilder, da man sich die meisten Dinge anhand von Bildern besser vorstellen kann.