Mein zweiter Erfahrungsbericht

21.01.2011

    2. Erfahrungsbericht

    Verena in Sankt Petersburg

Eine weitere Zugfahrt, ein weiteres Seminar und ein weiteres Mal genügend Ruhe und Zeit für einen Bericht von mir für Euch aus dem inzwischen winterlichen Russland.

Winterlich heißt in den meisten Gegenden Russlands, dass es klirrend kalt und tief verschneit ist, spät hell und früh wieder dunkel wird und dass das Laufen zu einer Kunst wird.

Ich bin derzeit eher langsam unterwegs und schlurfe meist, um nicht auszurutschen und zu fallen. Mir graut es bei der Vorstellung, die Blicke der Russen, die das Laufen auf den vereisten und verschneiten Gehwegen perfekt beherrschen -auch in Stöckelschuhen!-, auf mich zu lenken.

Neben der erschwerten Fortbewegung bringt der Russische Winter aber viele Reize mit sich.

Die tief verschneiten Parks mit kleinen zugefrorenen Seen und die ebenso zugefrorene Ostsee laden zu Winterspaziergängen ein, zu denen eine heiße Tasse Tee oder Kakao zum Aufwärmen danach perfekt passt.

Noch nie habe ich so riesige Eiszapfen wie hier gesehen – toll, aber gefährlich.

Irgendwo habe ich aufgeschnappt, dass jährlich mehrere Menschen von fallenden Zapfen erschlagen werden.

Beruhigend also, dass die Gehwege ab und zu provisorisch abgesperrt werden, die Eiszapfen abgeschlagen werden und der Schnee von den Dächern geschippt wird.

Weniger beruhigend ist jedoch, wie abgesperrt wird. So ist es mir anfangs einmal passiert, dass ich eine Absperrung nicht als solche erkannt habe, weil es ja nur zwei alte Stühle waren, zwischen denen ein Absperrband befestigt war. Ich marschierte also schnurstracks weiter, staunte noch, dass an diesem Morgen besagtes Stück Gehweg komplett leer war und fragte mich, warum denn alle andern auf der Straße laufen. Nach wenigen Metern kam ein Mann, dessen Job es ist unten aufzupassen, auf mich zu und schrie auf Russisch herum. Ich habe zum Glück verstanden, dass da bald haufenweise Schnee und Eis fallen werden und bin fix auf die Straße, war aber schon ziemlich eingeschüchtert und erschrocken vor dem lauten Kerl.

Seit kurzer Zeit ist es in St. Petersburg der Jahreszeit entsprechend ungewöhnlich warm. Wir haben häufig um die 0°C.

Ich habe nicht schlecht gestaunt, was da an Schmutz zum Vorschein kam, als die Schneeberge zum ersten mal anfingen zu schmelzen. Es ging ratz fatz, schon war all das schöne Weiß braun, gespickt mit alten Feuerwerkskörpern, Bierdosen, Zigarettenstummeln und sonstigem Müll, der achtlos in den Schnee geworfen worden war.

Das ist auch so ein Thema für sich– Müll.

Dieser wird, wie gesagt, oft einfach auf die Straße geworfen. Es scheint die Arbeit einiger Babuschkas (alte Frauen) zu sein, herumzuschlurfen und mit einem Reisigbesen ein wenig aufzufegen, was mir weniger effektiv erscheint.

Früh morgens, um fünf oder sechs Uhr, fährt manchmal ein Fahrzeug durch die Straßen, welches Wasser auf die Gehwege spritzt, so dass der Müll zur Seite geschwemmt wird.

Seit Schnee fällt, wird der Müll jedoch, wie es scheint, einfach damit bedeckt.

Zuhause trennen die Menschen den Müll gar nicht. Ich habe mich einmal mit einem Russen darüber unterhalten. Der meinte, es gab einmal einen Ansatz für ein System. Die Leute haben wohl auch brav sortiert. Es stellte sich jedoch bald heraus, dass am Ende wieder alles zusammen geworfen wurde, so dass das Trennen bald ein Ende hatte. Er meinte, die Russische Regierung habe nicht genug Geld, um in ein besseres Müll-System zu investieren und sowieso dringendere Sorgen.

An das meiste hier habe ich mich unheimlich schnell und gut gewöhnt, ich fühle mich nach wie vor pudelwohl, inzwischen sogar irgendwie zuhause, so dass es ein ziemlicher Kulturschock für mich war, als ich Anfang Dezember wegen meines Visums wieder nach Deutschland musste.

Ich habe über Fahrradwege gestaunt, war gerührt, wie eine für mein Gefühl kleine Menge Schnee Berlin aus dem Takt brachte und auch wie die WG meiner guten Freundin Julia, die ich in Nürnberg besucht habe, ihren Müll trennte.

Ich musste anstelle von drei, ursprünglich geplanten, Tagen zwei Wochen in Deutschland bleiben, da die Ausstellung eines Expressvisums aufgrund der Farbe meiner Einladung nicht möglich war. Ich war etwas fassungslos und dachte erst, ich werde veralbert, als mir genau das, todernst ins Gesicht gesagt wurde – „Sie haben nur eine weiße, brauchen aber eine gelbe Einladung. Das geht so nur in mindestens 14 Tagen.“

Diese zwei Wochen waren dann genug Zeit, um mich doch wieder an Deutsche Verhältnisse zu gewöhnen, meine Freundin und meine Großeltern zu besuchen und dort meine Mama zu treffen. Ein so langer Aufenthalt war zwar ganz und gar nicht nach meinem Wunsch und es war verwirrend dort zu sein, aber es war auch schön, die Leute zu sehen.

Es war jedoch kein Urlaub. Ich habe die Zeit genutzt, um für den Verein MIR e.V. und um neue Freiwillige zu werben.

Nach zwei Wochen hatte ich dann endlich, endlich nach unzähligen Komplikationen und viel zu viel Frust ein Jahresvisum mit Mehrfacheinreise in der Hand und konnte in mein derzeitiges Zuhause zurück fliegen – OH , Freude!

Bald nach meiner Rückkehr habe ich hier mein allererstes Weihnachten ohne Familie verbracht.

Es war sehr schön und feierlich, aber auf eine Art und Weise, die für mich irgendwie nicht weihnachtliche war.

Schon Ende November haben meine Mitbewohnerin Carolin und ich gemeinsam mit Freunden einen winzigen Tannenbaum besorgt und eine Advents-, und Weihnachtsecke in der Küche eingerichtet. Wir haben uns auch gegenseitig Adventskalender gebastelt.

Am 24.12. haben wir zuerst zu zweit eine winzige Bescherung mit echtem Deutschem Glühwein gemacht und sind anschließend bei einer WG von anderen Deutschen Freiwilligen zu Gast gewesen, wo einige Deutsche, Polen und auch Russen Deutsches Weihnachten gefeiert haben.

Am 25.12. war die Betriebs Weihnachtsfeier der Caritas St. Petersburg, wobei es sich eher um eine Neujahrsfeier handelte. Es kam kein Weihnachtsmann, sondern Djed-Moros (Väterchen Frost) und es wurde eher „S nowim godom!“ („Ein frohes Neues Jahr!“), als „S Roschdestwom!“ („Frohe Weihnachten!“) gewünscht. Für die Russen ist Silvester viel wichtiger als Weihnachten, was sie erst am siebten Januar feiern.

Dank Sangria, Wodka, Unmengen von Essen und einem Entertainer war es ein recht geselliger Abend.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag war die Weihnachts-, oder eher Neujahrsfeier der Behinderten-Tagesstätte, Dom Maletzkovo, wo ich die meiste Zeit arbeite.

Ich habe gemeinsam mit den Menschen mit Behinderung vorgesungen und sogar den Fuchs in einem kleinen Theaterstück gespielt, Väterchen Frost hat Geschenke verteilt – auch ein Märchenbuch für mich- und es wurde gemeinsam gegessen. Obwohl der Mittag etwas chaotisch und unstrukturiert verlief, war es doch sehr schön und auch spannend mal die Eltern kennen zu lernen.

Das für die Russen so wichtige Neujahr habe ich eher bescheiden gefeiert.

Carolin, Alex -ein Deutscher Freiwilliger aus Wolgograd, der bei uns zu Gast war- und ich haben erst fein gekocht und gegessen und sind dann ins Zentrum gefahren, um auf dem Platz vor der Heremitage den Jahreswechsel zu erleben. Leider waren wir zu spät dran und um 0.00Uhr noch in der Metro. Da wurde aber auch gebührend gefeiert, die ein oder andre Luftschlange gepustet, gegrölt, Sekt aufgemacht und angestoßen.

Am Abend des dritten Januars haben Carolin, Alex und ich dann total spontan entschieden, dass es an der Zeit für eine Reise sei, sind noch in der selben Nacht in einen Bus nach Tallinn gestiegen und haben dort drei tolle Tage verbracht.

Tallin, zumindest der kleine historische Ortskern, ist richtig niedlich und meiner Meinung nach eine Reise wert.

In Estland, bei unserem Couch-Surfing-Gastgeber, wo wir übernachtet haben, haben wir auch in meinen Geburtstag reingefeiert und in St. Petersburg mit unseren Freunden wieder raus.

Couch-Surfing ist eine Internetseite, wo Einheimische Reisenden eine kostenlose Übernachtungsmöglichkeit anbieten, also ideal für drei arme Deutsche Freiwillige.

Meine zweite Reise dieses Jahr ging nach Vladimir, 13 Stunden Zugfahrt von Sankt Petersburg entfernt, wo ich meine Midterm-Evaluation (ein Zwischenseminar) vom Europäischen Freiwilligendienst hatte und von wo ich nun auf dem Heimweg bin.

Vladimir liegt zwischen Moskau und Nizhny Novgorod. Es ist eine, im Vergleich zu St. Petersburg, recht beschauliche, sehr schöne Stadt, wo auch Alexander Newsky, nach dem die St. Petersburger Hauptstraße benannt ist, begraben liegt, was für mich ein kleines Highlight war. Von begraben nämlich kann kaum die Rede sein – Alexander Jaroslawitsch Newski, der 1263 gestorben ist, war ein Fürst und ist heute ein Heiliger der Orthodoxen Kirche und er liegt derzeit für alle sichtbar in einem Glaskasten in der Maria-Himmelfahrtskathedrale in Vladimir. Man kann sogar seine schwarz-vergammelte Hand sehen, die noch das Schwert hält, das Gesicht ist mit einem Tuch bedeckt – wahrscheinlich besser so, da es sicher auch schon schwarz und ranzig ist.

Das Seminar hat nur zwei Tage gedauert, mit der langen An- und Heimreise jedoch hatte ich viel Zeit genau das zu tun, wofür es gedacht war – Reflektieren, was ich bisher geschafft habe und planen, was ich noch schaffen will, außerdem habe ich die nötige Ruhe gefunden, darüber nachzudenken, was meinem Jahr in Russland folgen soll.

In meiner Zeit hier, will ich beispielsweise meine Sprachkenntnisse erweitern, mehr reisen und -ganz banal- endlich richtig kochen lernen. Nach meinem Freiwilligenjahr strebe ich im Augenblick ein BA Studium in „Sozialer Arbeit“ an.

Ich blogge seit einiger Zeit auch auf der Internetseite des Vereins (www.mir-ev.eu), die mein Bruder Arne ganz super eingerichtet hat, in der Rubrik „die Freiwilligen – Verena’s Blog“.

So weit, so gut.

Alles Liebe aus dem derzeit eher nass-grauen St.Petersburg. Ich lass mich vom Wetter nicht unterkriegen und bin guter Dinge! 🙂

Eure

Verena

Ein bisschen Glück

Ein Busticket bringt dann Glück, wenn die Quersumme der ersten 3 Ziffern der der hinteren 3 entspricht. Angeblich entfaltet es seine Wirkung erst, nachdem man es gegessen hat.

Aus eigener Erfahrung kann ich hier noch anmerken: Es ist essbar, wenn man es aber teilt, scheint es einen gegenteiligen Effekt zu haben und Unglück zu bringen 😉

Wo Alexander Jaroslawitsch Newski begraben liegt…

oder auch nicht begraben, sondern für alle offensichtlich in einer wohlbemerkt wunderschönen Kirche, in einem Glaskasten, so dass man seine inzwischen schwarz-vergammelte Hand, die das Schwert hält, sieht, nicht aber das von einem Tuch bedeckte Gesicht – da ist Wladimir! Nevsky war ein Fürst und ist heute ein Heiliger der orthodoxen Kirche, nach dem die Hauptstrasse von St. Petersburg, der Nevsky Prospekt, benannt wurde. Ich war da und fand es natürlich total aufregend, die vergammelte Hand von dem Newsky zu sehen, der schon 1263 gestorben ist, der Newsky von „meinem“ Newsky Prospekt.

Aber ich war vor einer Woche nicht nur in Vladimir, um mir den toten  Fürsten in der Maria-Himmelfahrtskathedrale, das goldene Tor oder sonst eine der Sehenswürdigkeiten der hübschen kleinen Stadt anzusehen, sondern auch um an einer „Midterm-Evaluation“ (Zwischenseminar) des Europäischen Freiwilligendienstes teilzunehmen.

Wir waren 20 Freiwillige, die von überall aus Europa nach Russland gekommen sind und derzeit in den verschiedensten Projekten hier arbeiten. Wir haben sowohl reflektiert, was wir inzwischen in Russland geschafft haben, als auch überlegt und diskutiert, was noch getan werden muss. Für mich persönlich war das von großem Nutzen. Ich habe gemerkt, dass ich in vielerlei Hinsicht schon weit gekommen bin und auch zufrieden bin, aber auch, dass ich noch mehr schaffen will und kann. So will ich in meiner verbleibenden Zeit zum Beispiel meine Russisch Lernarbeit intensiver und fleißiger als bisher in Angriff nehmen und auch mehr Reisen unternehmen, um mehr von Russland zu sehen. Auf der 13-stündigen Zugfahrt hatte ich zudem die Zeit und Ruhe über meine Planung für die Zeit nach dem Freiwilligendienst nachzudenken. Inzwischen plane ich, mich für ein BA Studium in  „Sozialer Arbeit“ zu bewerben.

Außer neuen Erkenntnissen, Plänen und Vorsätzen habe ich leider auch eine böse Erkältung aus Wladimir mitgebracht. Während es in letzter Zeit hier in Piter häufig ungewöhnlich warm war für diese Jahreszeit, hatte es in Wladimir die eher gewöhnlichen -20°C und ich war darauf klamottenmäßig nicht gefasst.

Glücklicherweise habe ich hier die beste WG-Mitbewohnerin der Welt, die mich mit Suppe und Tee versorgt hat! 🙂

Liebe Grüße aus St. Petersburg von einer fast wieder genesenen Verena!

Ein guter Start ins neue Jahr…

Auch wenn ich am 1.1. um 0.00 Uhr in der Metro war, hat 2011 super angefangen 🙂 Wir wollten eigentlich nach einem gemütlichen Abendessen in unserer WG auf den Nevsky Prospekt und zur Heremitage, kamen aber zu spät.

Während die Russen Weihnachten, was hier ja erst am 7.1. ist, nicht so groß feiern, ist zu Neujahr der Teufel los. Dann bringt Vätterchen Frost Geschenke und es wird einfach die ersten paar Tage des neuen Jahres ununterbrochen gefeiert. Auch die Weihnachtsfeiern der Caritas waren eher Neujahres-Feiern von der Gestaltung her.

Nach mehreren durchfeierten Nächten haben Caro (meine Mitbewohnerin), Alex (ein Freiwilliger aus Wolgograd, der hier gerade zu Gast ist) und ich dann am 4.1. entschieden, spontan nach Estland zu reisen. Wenige Stunden später saßen wir dann im Bus nach Tallin, wo wir am 5.1. morgens ankamen und bis gestern Abend geblieben sind. Tallinn hat einen wunderschönen, richtig putzigen historischen Ortskern und war leider überflutet von Russischen Touristen, die die Feiertage genau wie wir nutzen wollten, um diese schöne Stadt zu geniessen.

Nachdem wir die erste Nacht in einem so genannten Hostel verbracht haben, was sich dann als eine einfache Wohnung entpuppte, wo wir in einem nicht heizbaren Zimmer schlafen sollten und im Endeffekt im Wohnzimmer geschlafen haben, wo wir sogar Deutsches Fernsehn schauen konnten und uns „Sex and the City“ gegönnt haben, hatten wir in der zweiten Nacht das große Glück einen Couch-Surfing Host zu finden, wo wir dann auch in meinen Geburtstag reingefeiert haben.

Jetzt bin ich wieder „zuhause“ hier in St. Petersburg und werde ab Dienstag auch wieder arbeiten müssen, worauf ich mich aber auch freue – es wird sicher schön, alle aus dem Projekt wieder zu sehen.

…so weit, so gut aus dem tiefen Schnee.

Frohe Weihnachten…

an alle Lieben in Deutschland, die hier ab und zu reinschauen!!

Mein erstes Weihnachten nicht mit meiner Familie verbringe ich gemeinsam mit meiner Mitbewohnerin Carolin. Gestern Abend haben wir gemeinsam in unserer Wohnung Bescherung gemacht und Glühwein getrunken, im Anschluss sind wir dann zu einer anderen Freiwilligen-WG hier in St. Petersburg, wo wir gemeinsam mit einigen anderen Deutschen, Russen und auch Polen gefeiert haben.

Heute Abend ist die Betriebs-Weihnachtsfeier von der Caritas und morgen eine weitere in dem Projekt, wo ich die meiste Zeit arbeite – dem Dom Maletzkovo, dort werde ich auch gemeinsam mit den Menschen mit Behinderung vorsingen und den Fuchs in einem kleinen Theaterstück spielen.

In Weihnachtsstimmung bin ich nicht SO sehr wie sonst, aber ein schönes Wochenende wird das sicher trotzdem.

Viele liebe weihnachtliche Grüße,

eure Verena!

Advent, Advent,…

… in Deutschland!

Da meine erlaubte Aufenthaltsdauer in Russland abgelaufen ist, habe ich Russland am 30.11. verlassen, um in Berlin ein neues Visum zu beantragen. Aus dem geplanten dreitägigen Aufenthalt ist nun ein zweiwöchiger geworden – Oh, Visum, Du machst mich fertig!

Die ersten paar Tage musste ich mich erst mal wieder total auf Deutschland umstellen. Ich hatte fast vergessen, dass Rolltreppen so langsam sein können, wo ich doch nun die langen schnellen Rolltreppen in der St.Petersburger Metro gewohnt bin. Ich habe Fahrradwege bestaunt und geschmunzelt, als ich gesehen habe, wie die Berliner mit dem Schnee zu kämpfen hatten – war ich doch ein paar Stunden vorher mit meinem Koffer durch das tief verschneite St. Petersburg gestapft.

Ich besuche zwar jetzt, wo ich schon hier bin, meine gute Freundin Julia in Nürnberg, meine Großeltern in Erlangen, wo ich auch meine Mama treffe, und meine Freundin Jorina in Berlin, aber ein Urlaub ist es  nicht. Ich nutze die Zeit und sammel Spenden, werbe für den Verein und habe in Berlin auch einen Bewerber auf eine Frewilligen-Stelle bei MIR im kommenden Jahr getroffen.

Nächsten Dienstag kann ich, wenn diesmal endlich alles gut geht, mein Visum in Berlin abholen. Jetzt heißt es also abwarten, Glühwein trinken und feste Daumen drücken!

Grüße aus Nürnberg, wo der Schnee inzwischen vom Regen abgelöst wurde – pfui !

Schneeflöckchen, weiß Röckchen!!!

Der Winter, mit dem wir alle schon viel früher gerechnet hatten, ist da!

Seit einer Woche liegt jetzt Schnee 🙂 ! Noch hab ich Freude dran – mal sehn, wie lange die anhält.

Ich habe das Gefühl, viele Damen sind auf Schuhe mit weniger oder ganz ohne Absätze umgestiegen während viele Eltern die Kinderwägen durch Schlitten ersetzt haben.

Mein erster Bericht (Verena Hansen – aktuelle Freiwillige)

02.10.2010

1. Erfahrungsbericht

Verena in Sankt Petersburg

Jetzt, wo ich 16 Stunden Zugfahrt von Sankt Petersburg nach Nizhny Novgorod vor mir habe, finde ich endlich die Zeit und die Ruhe für meinen ersten Bericht.

In Nizhny Novgorod, wohin ich nun meine erste russische Zugfahrt unternehme, werde ich an einem einwöchigen On-arrival-training (Einstiegs-Seminar) für Freiwillige des Europäischen Freiwilligendienstes teilnehmen.

Nach nur vier Wochen in Sankt Petersburg beginne ich jedoch gerade, mich so richtig einzuleben und wohl zu fühlen, so dass ich trotz meiner Vorfreude auf das Seminar gerade nicht weg möchte und Angst habe, etwas zu verpassen – Wo doch die erste Zeit so aufregend und schön war!

Hier klappte sowohl bei der Arbeit als auch in meiner Freizeit bisher alles super. – Und das nach dem großen Visums-Fiasko!

Nachdem mir das falsche Visum ausgestellt worden war, flog ich drei Tage vor meiner Ausreise für einen Tag nach Berlin, um dort in der Russischen Botschaft zu versuchen, es berichtigen zu lassen – Erfolglos! Der Willkür eines übel gelaunten Angestellten der Visums-Abteilung ausgesetzt, versuchte ich mehrmals, etwas zu erreichen. Ein anderer freundlicherer Mitarbeiter hatte mir auch bloß zu sagen, dass er nichts für mich tun könne. Daraufhin verließ ich die Botschaft den Tränen nahe und war mir todsicher, dass es eine Fehlentscheidung war, ein Jahr in Russland zu verbringen.

Als ich jedoch am Freitag, den 03.09., morgens um 5:00 Uhr mit Mama und Papa am Züricher Flughafen stand, hatten mich Carsten Heinrich und Robert Schönfelder (die zwei ehemaligen Freiwilligen, die gemeinsam mit ihrer ehemaligen Mentorin Inge Shabli meinen Entsende-Verein gegründet haben) wieder beruhigt und meine Vorfreude wieder hergestellt. Zudem war neben meiner riesigen Aufregung sowieso kaum Platz für andere Gefühle. Doch auch gegen die größte Nervosität ist ein Mittel zu finden, in meinem Fall ein ulkiger Sitznachbar, der mir mehrere Stunden lang von seinem guten Freund Bill Clinton – „Ein echt anständiger Kerl, der Bill!“ – ,von rauschenden Silvesterparties im Weißen Haus und ähnlichem erzählte.

In St. Petersburg holte mich Nina, eine russische Freundin von Carsten und Robert, vom Flughafen ab und brachte mich in die Wohnung, in der ich für die ersten drei Wochen in einem Zimmer zur Untermiete gelebt habe.

Zum Glück war Nina dabei, denn trotz zweiwöchigem Russisch Intensiv Kurs in Deutschland, konnte ich kaum ein Wort verstehen, von dem was meine Vermieterin sagte. Anfangs lag meine noch immer häufige Verständnis- und Ratlosigkeit sicher auch daran, dass die Russen so schnell reden. Inzwischen ist das größere Problem, dass mein Vokabular noch verhältnismäßig klein ist. Ich habe, was die Sprache angeht, das Gefühl, dass ich fast täglich mehr kann und doch noch lange nicht genug.

Schon an meinem ersten Wochenende hier lernte ich über Nina und die Tochter meiner Vermieterin, die zum Glück Englisch spricht, bereits einige Leute kennen und kam dazu, erste Eindrücke von dieser wunderschönen Stadt zu sammeln.

Ich war mir schnell sicher, dass ich mich hier gut einleben werde, fühlte mich aber noch fremd. Zu dem Gefühl als Ausländerin aufzufallen, trug auch der Kleidungsstil der russischen jungen Frauen gehörig bei. Im Gegensatz zu mir und zu vielen jungen Frauen in Deutschland tragen hier die meisten oft und gerne Stöckelschuhe und knappe Röcke. Ich warte nach wie vor darauf, Zeugin zu werden, wie eine der Damen sich einen Absatz auf einer der häufig schlecht präparierten Straßen abbricht oder stürzt.

Entgegen meiner Wahrnehmung scheine ich jedoch recht russisch auszusehen – es passierte mir von Anfang an häufig, dass ich nach dem Weg gefragt wurde. Es ist es mir sogar schon passiert, dass eine englische Touristin ihren Mann bat, ein Foto von uns gemeinsam zu schießen, da sie zu glauben schien, ich sei Russin. Bis mir das Missverständnis klar wurde, waren die zwei schon mit einem Foto von einem „echten Russischen Mädchen“ über alle Berge. Inzwischen fühle ich mich, wie gesagt, selber auch so, als würde ich hierher gehören.

Am Montag bin ich zur Caritas, meiner Empfänger-Organisation, gegangen, wo ich einen Instant-Kaffee bekam – etwas anderes ist in Russland Kafftee-technisch fast nicht zu kriegen. Ansonsten wurde mir nur gesagt, ich solle am folgenden Tag wiederkommen – und dafür eine Stunde Metro-Fahren und Laufen!

Am Dienstag war ich zum ersten Mal im Dom Maletzkovo, der Behinderten-Tagesstätte, wo ich nun vier Tage in der Woche arbeite. Meine erwarteten Hemmungen bei der Arbeit mit Menschen mit Behinderung sind nie aufgetreten. Die Atmosphäre im Projekt ist schön und der Umgang ist sehr liebevoll. Was mir schwer fällt einzuordnen und damit umzugehen, ist dass die Menschen mit Behinderung als Kinder gesehen und dementsprechend häufig nicht ernst genommen werden. Ich habe die Vermutung, dass die meisten viel weiter kommen und selbstständiger werden könnten, wenn man sie mehr fordern und fördern würde. Also freue ich mich schon sehr darauf, selber Programmpunkte zu organisieren und zu leiten, sobald mein Russisch ausreichend sein wird. Dann werde ich auch Alternativen zum alltäglichen Mittags-Programm bieten können, das meist einfach das Anschauen von Kinderfilmen beinhaltet.

Bei diesem ersten Besuch im Dom Maletzkovo lernte ich auch Carolin kennen, eine weitere deutsche Freiwillige der Caritas aus Osnabrück. Sie arbeitet jeden Freitag mit mir im Dom Maletzkovo, den Rest der Woche über arbeitet sie täglich in einem anderen Projekt der Caritas.

Da wir uns echt gut verstehen und Carolin aus ihrem ersten Zuhause in St. Petersburg ausziehen musste, waren wir froh, dass die geplante Auflösung der Freiwilligen-WG der Caritas ein weiteres Jahr aufgeschoben wurde und wir jetzt zusammen hier wohnen können. Ich genieße es sehr, keinen eineinhalb-stündigen Weg zur Arbeit mehr zurücklegen zu müssen und vor allem mit jemandem zu leben, mit dem ich mich über die Arbeit und mein Befinden austauschen kann. Zum einen ist die Sprachbarriere, die bei meiner vorherigen Vermieterin bestand, nicht mehr im Weg und zum anderen haben wir uns inzwischen so gut angefreundet, dass wir auch über persönlichere Erfahrungen und Probleme sprechen können. Eine Kleinigkeit jedoch fehlt mir seit ich umgezogen bin – Zwischen meiner ersten Wohnung und der nächstgelegenen Metro-Station lag ein wunderschöner und riesengroßer Park – der Park des Sieges. Es war echt toll, täglich auf dem Weg zur Arbeit und auf dem Heimweg durch den immer herbstlicher werdenden Park zu gehen.

Seit meiner zweiten Woche hier arbeite ich zudem einmal pro Woche in einem weiteren Projekt der Caritas– dem Ostrowok. Das Ostrowok ist eine Kindertagesstätte für Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen. Ich gebe dort Französisch-Nachhilfe. Es macht mir großen Spaß macht, auch wenn es mir oft das letzte Fitzelchen Geduld abverlangt, die Kinder immer wieder zu motivieren und zur Konzentration zu bewegen.

Neben der Arbeit habe ich in den ersten hier Wochen eifrig Kontakte geknüpft, sowohl zu anderen deutschen Freiwilligen und zu Studenten aus dem Ausland, die zur Zeit hier studieren, als auch zu Russen. Es wäre sehr leicht als Deutsche in St. Petersburg unter Deutschen, Amerikanern, Franzosen und anderen Ausländern zu bleiben. Mir ist es aber wichtig, in dem Jahr hier auch russische Freunde zu finden, was mir glücklicherweise schon jetzt gelingt.

Einer der Vorteile an nicht-russischen Freunden ist wohl ihre Pünktlichkeit, von der die Russen noch nicht allzu viel zu wissen oder zu halten scheinen.Nicht nur wenn man sich mit Freunden trifft ist die Pünktlichkeit eher unwichtig, sondern auch bei der Arbeit herrscht eine erstaunlich entspannte Atmosphäre. Ich kam einmal schon im Projekt an und außer einem der Menschen mit Behinderung war noch gar keiner da. Genauso wenig erstaunt es mich inzwischen, Arbeiter auf der Straße auf einem Schutthaufen sitzen und rauchen zu sehen, anstelle davon, die Straße auszubauen.

Offensichtlich geht es mir hier sehr gut, es kehrt sogar schon fast so etwas wie ein Alltag hier ein,

bis bald, eure Verena