Frühling und Sommer

Hallo liebe Leser!

Wie ich bereits erwähnte, war ich im März das erste Mal als Betreuer für eine Urlaubsfahrt über fünf Tage mit einer Gruppe von Bewohnern unterwegs. Wir waren in Losowo, ca. 100 km von Sankt Petersburg Richtung Ladogasee entfernt. Wir waren 8 Bewohner und 8 Betreuer, waren in einem Haus einer „Ausruh-Basis“ untergebracht. Es lag noch viel Schnee und wir hatten großes Glück mit dem Wetter. Die Sonne schien jeden Tag, es war nicht zu kalt. So konnten wir immer spazieren gehen, Schlitten fahren…uns einfach an der Natur, der Ruhe und an uns selber erfreuen. Es war eine wunderschöne Zeit, die durch die Freiheit und Andersartigkeit vom Heimalltag den Bewohnern und uns eine tolle Gelegenheit bot, sich selbst und sich gegenseitig anders kennenzulernen.

Unsere Organisation „Perspektivy“, für die ich tätig bin, ermöglichte uns zu Beginn des Jahres einen Einblick in ihre einzelnen Projekte. Es gab mehrere Exkursionen, in denen wir vor Ort die einzelnen Bemühungen in der Arbeit mit behinderten Menschen beobachten und kennenlernen konnten. Perspektivy macht hier wirklich eine gute Arbeit. Sie geben nie auf, auch wenn der Kampf gegen die Behörden sehr anstrengend ist und kleine Erfolge nur sehr langsam sichtbar werden.

Im Februar war ich recht viel unterwegs. Durch die Anbindung an das EVS gab es ein Zwischenseminar. Durch verschiedene Gründe nahm ich nicht am Seminar in Russland teil, sondern fuhr mit dem Zug in die Ukraine, um dort am Seminar für die EU-Freiwilligen in Weißrussland, der Ukraine und in Moldawien teilzunehmen. Es war klasse! Natürlich in erster Linie durch die  Freiwilligen aus verschieden Nationen und die Erfahrungen, die sie mitteilten. Zusätzlich waren wir herrlich untergebracht. Wir wohnten in einer Art Freilichtmuseum, das auch als Hotel genutzt wird. Es lag viel Schnee, die wunderschönen originalen alten Häuser, die Ruhe und nach vielen Wochen endlich wieder Sonnenschein!!!

Danach gab es auch ein Seminar von Perspektivy. Sie wollten wissen, wie wir uns nach einem halben Jahr in den verschiedenen Einrichtungen fühlen, wie wir das Leben und das System wahrnehmen, wo Probleme liegen, was vielleicht besser gemacht werden könnte… Auch dieses Seminar war sehr gut. Vor allem hatten wir hier die Möglichkeit, das System und die Probleme besser zu verstehen, Verständnis für die Sanitarkas und das Personal, die Gesellschaft, aber auch für Perspektivy und die, in unseren Augen oft „hausgemachten“,  Probleme zu entwickeln.

Und schließlich gab es auch noch ein Zwischenseminar des MIR-e.V., diesmal in Sankt Petersburg. Robert und Carsten kamen für drei Tage nach Piter, um mit uns zu sprechen, Probleme kennenzulernen, unsere Arbeit vor Ort zu erleben.  Auch dieses Seminar war sehr schön, v.a. ein Trip an den Rand von Petersburg. Ein Stück außerhalb ist ein großer See. Der war Ende März noch immer zugefroren, sodass wir vom Bahnhof aus über den gefrorenen See zum anderen Ufer laufen konnten. Dort genossen wir die Sonne, einer von dieses seltenen hellen Tagen, suchten Holz, machten uns ein Feuer und grillten Schaschlik über dem offenen Feuer. Heeerrrlich!!!

In meiner Wohnung gab es im Laufe des zweiten Halbjahres ebenfalls einige Änderungen. Da die Arbeit im PNI nicht einfach ist, entschloss sich meine Mitbewohnerin, das Projekt zu wechseln. Da sie nicht mehr als Freiwillige arbeitete, musste sie die Wohnung verlassen. In ihr Zimmer zog eine Freiwillige aus Polen. In das andere Zimmer zog eine russische Freiwillige, sodass wir ein bunter Mix aus drei Nationen wurden.

Zu Ostern besuchte ich mit ein paar Bewohnern eine orthodoxe Messe. Wir trafen uns 22.00 Uhr, um in die Kirche zu fahren. Dort gab es Gebete, Gesänge, Predigten… Gegen 12 Uhr begann eine Prozession mit vielen Kerzen um die Kirche, danach ging es drinnen weiter mit Gebeten, Gesängen… Gegen halb vier begann das Abendmahl und die Segnung, gegen viertel fünf gingen wir in einen Raum über der Kirche, der festlich geschmückt war. In ihm standen viele gedeckte Tische mit sehr vielen Speisen. Man betete, lobte Gott und begann zu Essen. Dies war gleichzeitig das Brechen der Fastenzeit.

Diese Messe war sehr interessant. Sie war so völlig anders zu einer evangelischen Messe, wie ich sie kenne. Diese vielen Stunden stehen, die fast meditativen Gesänge, die beseelten Gesichter der Gemeinde und der Bewohner. Wirklich beeindruckend.

Im Juli durfte ich nochmals mit in ein Lager fahren, diesmal nach Svetlana. Dies ist ein Dorf, eine Art Camp Hill. Es leben und arbeiten dort behinderte und nichtbehinderte Menschen zusammen in mehreren Häusern, sie bewirtschaften eine Art Bauernhof und leben recht unabhängig. Wir waren dort Gäste in einem der Häuser. Den Bewohnern tat der Aufenthalt in der Ruhe und dieser respektvollen Umgebung sichtlich gut. Sie blühten auf und hatten riesigen Spaß daran, auf der großen Schaukel zu sitzen, Tee zu zupfen, spazieren zu gehen, die Sonne zu genießen, sich die Tiere anzuschauen… Am letzten Abend gab es ein Lagerfeuer mit allen Bewohnern des Dorfes und uns, bei dem gesungen, getanzt und viel gelacht wurde. Es war wunderschön!!!

Um mich zu erholen von der Stadt und so fuhr ich zweimal nach Priosersk. Das liegt in der Nähe des Ladogasees. Es ist ein kleines nettes Städtchen, in dem glücklicherweise Katharina, eine weitere Freiwillige, arbeitete und lebte. Sie hatte ein eigenes kleines Haus, was die „Aufnahme“ von Urlaubern gut ermöglichte. Wir genossen dort vor allem die Ruhe, das Nichtstun. Spaziergänge zum Ladogasee oder innerhalb der Stadt waren begleitet von Sonnenschein, Vogelgezwitscher oder das Schlagen der Wellen an den Bootssteg am See. Wunderbar erholsam!

Wie ich meine letzte Zeit verbrachte, wie ich mein Jahr erinnere, was ich mitnehme und wie es mir weiter ergangen ist, erfahr ihr bald im letzten Bericht.

Liebe Grüße und alles Gute wünscht Euch

Stefanie

 

 

 

Es läuft… – Humor ist gefragt oder Armtraining mal anders.

hmm

Heute ist Mittwoch. Mein freier Tag. Da ich gestern recht lang mit drei meiner netten Mitfreiwilligen auf meinem Balkon den langen Sonnenuntergang, der mittlerweile über einige Stunden nahtlos in den Sonnenaufgang übergeht, genossen hatte, schlief ich bis um elf. Dann stand ich auf, frühstückte ausgiebig und machte Pläne für den Tag. Während des Frühstückes schrieb ich einen Einkaufzettel, den ich abarbeiten wollte, wenn ich meinen angekündigten Besuch von der Metro abhole. Sie wollte dort gegen 3 Uhr ankommen.

Bis dahin wollte ich ein wenig die Wohnung aufräumen und meine Sachen sortieren, um meinen Eltern, die mich nächste Woche besuchen kommen (ich freue mich!!!), schon ein paar Dinge, die ich nicht mehr benötige, mitzugeben. Ich rechnete damit, nochmal Wäsche anzusetzen…

Nachdem ich das Bad geputzt und die Wohnung gekehrt hatte, wollte ich den Müll hinausbringen. Als ich den Mülleimer aus dem Schrank zog, bemerkte ich Wasser unter ihm. Mir waren schon beim letzten Mal ein paar Tropfen Wasser aufgefallen, aber da es nicht viel war und sich im Eimer auch ein wenig Wasser befand, schob ich es auf einen undichten Eimer. Da nun diesmal kein Wasser im Eimer war, entschloss ich mich, die Ursache zu suchen. Nachdem ich den Schrank vollständig ausgeräumt hatte, verfolgte ich die Leitungen, suchte ein Leck… Das fand ich dann ziemlich offensichtlich an einem Hahn, der Teil einer ziemlich heiklen Rohrkonstruktion war. Es tropfte nicht nur, es lief richtig auf ihm heraus. Ich sah eine Leitung, den Hahn als Verbindungsstück zu einem kleinen Kästchen, an diesem Kästen befand sich ein Schlauch, der um 90° abgeknickt war, so ein geriffelter Plasteschlauch, die schon ungeknickt Gefahr laufen, an den Riffeln einzureißen. Der Knick war nötig, da zwischen dem Kästchen und dem Schrankboden nur ca. 1 cm Platz war.  Das war halb 2.

Ich holte Lappen und Eimer, wischte alles auf. Dann wollte ich versuchen, den Hahn zu bewegen, musste aber zu meinem entsetzten Erstaunen feststellen, dass er mir in die Hand fiel, als ich ihn anfasste. Ganz offensichtlich war das Gewinde abgebrochen, hatte sich aufgelöst…ich weiß es nicht. Ich steckte ihn wieder drauf.

Hektik. Ich suche Hähne um das Wasser abstellen zu können, doch der einzige Hahn, den ich finden kann, halte ich in meiner Hand. Aufwischen. Dann Wohnung absuchen, kein Schacht, Wasserrohre, die einfach in der Wand verschwinden. Aufwischen. Ein Schacht im Bad gefunden, riesige Rohre dahinter. Erst traue ich mich nicht, dann versuche ich die Hähne zu drehen. Einer dreht sich, aber mit dem Wasser passiert nichts. Der andere ist fest, ich habe Angst ihn auch in der Hand zu haben, also lasse ich es. Aufwischen. Telefon suchen, Office anrufen. Aufwischen. Lage schildern, auf Rückruf warten. Aufwischen. Rückruf für Nachfrage. Aufwischen. Warten. Aufwischen. Viertel drei wurde mir mitgeteilt, dass man den „Meister“ angerufen habe, er komme zwischen 4 und 8. Zwischen 4 und 8? Ja, man habe gesagt, er soll sich beeilen, aber es geht nicht. Ob ich denn bis dahin weiter aufwischen könne.    Nun ja, habe ich eine andere Wahl?

So saß ich also bei sehr schönem Wetter vor einem Küchenschrank und wischte auf. Als Ina dann gegen dreiviertel vier bei mir ankam, hatte ich gerade die 5. Schüssel Wasser voll und Unterarme wie Popeye. Durch Inas  wohltuende Ablösung hatte ich Zeit nachzudenken, was man denn benutzen könnte, um dieses dümmliche ständige Wischen zu unterbrechen. Ich nahm den Hahn ab, wir checkten, ob es nur dort hinauslief. Dann nahmen wir eine Wasserflasche und stellten sie schräg daran. So wurde ein Großteil des Wassers von ihr aufgenommen und wir mussten weniger wischen. Die Wasserflasche (1 l) füllte sich im 7min-Abstand. So konnten wir sogar in Ruhe essen und mussten währenddessen nur zweimal die Flasche leeren.

Gegen halb sieben klingelte es an der Wohnungstür. Ich schloss die Tür auf, ein Mann zog sie auf und trat ein. Er sah aus wie ein Spaziergänger, hatte eine kleine sportliche Männerhandtasche um. Er sagte nichts und trat ein. Auf meine Frage, ob er der Monteur sei, antwortete er: „Yes, it is.“ Er kam herein, beugte sich stöhnend in den Schrank, zog die Flasche weg, ging dann ins Bad, schaute in den Schacht und fing an zu telefonieren. Er gab wohl der Office-Mitarbeiterin den Preis bekannt. Dann wollte er gehen. Als Ina ihn dann an der Tür aufhielt, um zu fragen, was denn nun wäre und wann er denn wiederkäme, sah er sie nur komisch an. Sie fragte erneut, dann lies er sich dazu herab in Aussicht zu stellen, dass er ins Geschäft ginge und in 20 min wiederkäme. Na immerhin, er sprach! Diese ganze Situation war so bizarr, ich kam mir vor wie im Heim, wenn WeWe seine Ferndiagnosen stellt.

Ina verließ später meine Wohnung und ich wartete auf ihn. Gegen viertel acht war er wieder da. Ich versuchte, die Situation etwas aufzulockern und sagte ihm, dass ich die Stelle zum Wasserabstellen nicht gefunden hätte. Daraufhin schaute er wieder nur seltsam und stellte lediglich fest, dass er gekommen sei. Okay, ich ließ ihn in Ruhe, wobei ich wirklich gern gewusst hätte, wo er das Wasser abstellte. Wenn mich nicht alles täuscht, hat er es im Bad im Schacht gemacht, also vermutlich mit dem Hahn, den wir uns nicht getrauten zu drehen. Schade, schade.

Ich hörte ihn also so werkeln. Zwischendurch ging er ins Bad, lehnte die Tür an. Ich dachte, oha, schon fertig, geht schon wieder zum Schacht. Doch dann hörte ich den Toilettendeckel klappen, sich einen Reißverschluss öffnen und wie jemand von weeeiiit oben in das Klo pinkelt. Lecker!!! Wenigstens hat er den Deckel hochgeklappt!

Dann kam er wieder raus, werkelte weiter. Die ganze Zeit redete er mit sich selbst. Dann war es plötzlich ruhig, dann sprach er wieder. Offensichtlich am Telefon, denn er redete etwas lauter. Daraufhin ging ich dann in die Küche, er schrieb gerade die Rechnung. Ich fragte ihn, ob er fertig ist, er sagte nur „Yes.“, dann fragte ich was es kostet. Er schaute wieder genervt, dann schrieb er die Kosten auf und zeigte mir den Zettel. Ich fragte, ob ich es jetzt bezahlen soll, er zeigte nur erneut genervt auf den Preis. Also zahlte ich. Ich unterschrieb, dann ging er, natürlich ohne Verabschiedung, nur mit der Aufforderung, ich solle die Türen zumachen.

Gegen acht Uhr konnte ich also endlich ans Einkaufen denken. Draußen zog sich der Himmel gerade bedrohlich zu. Und natürlich fing es dann auch auf halber Strecke an zu regnen. Willkommen in Petersburg! Aber ich hatte Glück, sie gönnten es mir, beim großen Schauer im Laden gewesen zu sein.

Und als ich dort dann an der Kasse stehe und meine Waren aufbaue, fragt mich die Frau vor mir, warum ich Toilettenpapier kaufe. Ich frage nach, sie wiederholt ihre Frage, ich hatte mich nicht verhört. Was antwortet man auf so eine Frage? Vielleicht weil ich nicht gern Bücher zerreiße? Und weil ich auch nicht so auf die Heimmethoden des feuchten Stofftuches oder des Stehens mit heruntergelassener Hose am Waschbecken stehe? Was soll man sagen? Ich schaute sie nur verwirrt an und fragte, ob sie keines benötige. Da lächelte sie wissend vor sich hin.                                                                                       Warum hat sie so gelächelt? Was weiß sie, was ich nicht weiß?

Wenn ich morgen auf Arbeit gehe und dort im Bad die verschiedenen Möglichkeiten der Folgen des Nichtvorhandenseins von Toilettenpapier betrachte, werde ich nochmal in mich gehen und darüber nachdenken, warum ich Klopapier kaufe.

 

 

Zimmer 12-ErLeben

Hallo und liebe Grüße an alle, die diesen Bericht lesen.

In diesem Bericht möchte ich meine Arbeit im Psycho-Neurologischen Internat, also die Arbeit in meiner Einsatzstelle, beschreiben. Ich habe zwar schon ein wenig in meinen vorherigen Berichten geschrieben,

aber ich würde trotzdem gern von vorn beginnen. Also entschuldigt bitte eventuelle Wiederholungen!

Als ich im September hier ankam, mir mein Zimmer im Projekt zugeteilt wurde und ich begann zu arbeiten, hatte ich das große Glück, fast zwei Wochen mit Renata, meiner Vorgängerin im Zimmer, zusammen zu arbeiten. Sie zeigte mir die ganzen Abläufe im Zimmer, arbeitete mich sehr gut ein. Das war enorm hilfreich in dieser fremden und doch sehr anderen Welt.

Vor meinem Freiwilligendienst arbeitete ich in Deutschland ebenfalls in einer Einrichtung zur Betreuung behinderter Menschen. Doch das Leben für diese Menschen hier, die Art der Betreuung und der Angebote für sie, unterscheidet sich doch sehr stark von den Bedingungen in Deutschland. In Deutschland ist in den vergangenen ca. 40 Jahren sehr viel passiert, Rechte wurden aufgebaut und umgesetzt, Wohnformen wandelten sich, Werkstätten wurden errichtet… All diese Bemühungen stehen im Zeichen von Gleichberechtigung behinderter Menschen und deren Integration in die Gesellschaft.

In Russland steht dieser Weg noch ganz am Anfang. Hier herrscht noch das alte deutsche System, was inoffiziell als das 3-S-System bezeichnet wird. Die drei S stehen für satt, sauber und still. Und im Zeichen dessen gestaltet sich die Arbeit im PNI. Die Sanitarkas, das Pflegepersonal, füttert die Bewohner, wäscht sie (einmal in der Woche, mehr steht den Bewohnern nicht zu), wechselt die Windeln (es gibt 2 Windeln pro 24 Stunden), säubern die Räume…Und wenn gegen das dritte Prinzip verstoßen wird, gibt es einige Maßnahmen, die ergriffen werden können, um diesen Umstand zu ändern. Man kann die Bewegungsfreiheit einschränken, „Hysterie“ kann von den Schwestern medikamentös behandelt werden, auch eine zeitweilige Verlegung der Bewohner in eine Art psychiatrische Klinik kann für die Ruhe zweckmäßig sein…  All diese Maßnahmen sind für mich als Deutsche noch immer manchmal schwer zu akzeptieren, aber man kann sehr wenig dagegen tun, es ist eben das staatlich vorgegebene System. Es gibt häufig staatliche Kommissionen, die die Einhaltung der Vorschriften kontrollieren.

Den Sanitarkas kann man erst Recht keinen Vorwurf machen. Sie bekommen sehr, sehr wenig Geld für 24-Stunden-Schichten, sie machen die komplette Arbeit am Bewohner, sind für die Umsetzung der Regeln verantwortlich und stehen natürlich unter enorm großen Druck. Sie werden ständig durch die Schwestern und dem Stationsarzt kontrolliert, sie bekommen den Ärger, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Einige von ihnen sind sehr alt, vielleicht bessern sie sich sogar die eigene kleine Rente auf. Sie sind sehr bewundernswerte, aber auch bedauernswerte Personen.   

Doch trotz all dieser Umstände arbeite ich sehr gern dort, die Arbeit in meinem Zimmer macht mir sehr viel Spaß! Nach einiger Zeit des Aneinander-Gewöhnens sind wir jetzt eine richtige kleine Einheit, das Team Zimmer 12.

Die Bewohner des Zimmers zählen zu den Schwachen, wahrscheinlich weil sie ständige Begleitung und Hilfestellungen benötigen, um Dinge selbständig zu tun. Leider verhalten sich einige der 8 Bewohner nicht im Sinne des staatlichen Systems, weswegen die erwähnten Sanktionen sehr häufig angewendet werden. Die Grundsanktion ist das Geschlossen-sein des Zimmers, was auch bedeutet, dass sie nur in Begleitung auf den Gang hinaus dürfen.

Der normale Tagesablauf im Zimmer beginnt für uns halb zehn mit dem Zähneputzen, eventuell Wechseln der Windeln, Wechseln der Bekleidung oder Sonstigem. Da ich mit Jedem einzeln ins Bad gehe, benötigt man dafür einige Zeit. Wenn wir fertig sind, ist es meist gegen 11 Uhr. Dann bereiten wir den Tisch und die Stühle für den 11-Uhr-Tee vor. Diese kleine Zwischenmahlzeit und das nötige Aufräumen dauern meist bis zum Beginn meiner Mittagspause. Wenn doch noch etwas Zeit bleibt, gehen wir ein wenig auf dem Gang spazieren, ich lese etwas vor, mache kleine Massagen usw.    

Nach meiner Mittagspause gibt es Mittag für die Bewohner. Wir stellen wieder Stühle und Tische auf, holen Wasser… Das Mittagessen dauert bei uns recht lang, da alle mehr oder weniger Unterstützung benötigen.

Nach dem Aufräumen gibt es dann Zeit für Spaziergänge, Beschäftigungsangebote, Sitzen und Liegen auf einem großen Gymnastikball (den lieben alle sehr!), das Besuchen von pädagogischen Angeboten, putzen der Rollstühle… Gegen 16.45 Uhr ist meine Arbeit beendet.

 Zusätzlich zum Alltag gibt es manchmal besondere Aktionen, wie das Besuchen einer Disko für die Heimbewohner, eines Theaterstückes, das von Bewohnern für Bewohner aufgeführt wird, eines Weihnachtskonzertes eines Chores, der im Heim auftrat, oder auch Aktionen im Zimmer, wie Eier färben zu Ostern,Kerzen basteln zur Weihnachtszeit…

Leider sind auch da die Bewohner meines Zimmers manchmal gar nicht eingeplant oder ich kann nur mit max. zwei Bewohnern dorthin gehen. Es kam schon vor, dass ich im Schwesternzimmer fragte, ob wir gehen dürfen und ich wurde nur müde belächelt und gefragt, mit wem ich denn hinwolle und warum, es interessiert sich doch sowieso keiner dafür. Naja, ich hatte einen anderen Eindruck beim Konzert.

Obwohl die Bewohner als unselbständig und „schwach“ gelten, haben wir doch sehr viel Spaß miteinander. Man entdeckt auch immer wieder neue Fähigkeiten, die sie haben oder entwickeln; sie sind begeisterungsfähig; sie haben alle einen so starken eigenen Charakter; sie wollen etwas tun; sie sind fähig zur Kommunikation, können Wünsche und Ablehnung auf ihre Art klar zeigen – sie haben also doch ein großes Stück Selbständigkeit. Leider wird das im normalen Alltag auf Station nicht gesehen. Man muss sich natürlich Zeit nehmen, um sie kennenzulernen und verstehen zu können. Doch diese Zeit haben offenbar selbst die Perspektivy-Pädagogen häufig nicht, Sanitakas haben sie auch nicht, Schwestern und Arzt wollen sie nicht haben. Schade, sehr schade für die Bewohner. Aber wir machen das Beste daraus und genießen die gemeinsame Zeit. Zumindest genieße ich sie und ich glaube, dass sich zumindest keiner durch meine Anwesenheit gestört fühlt. Ich interpretiere ihre Reaktionen, die sie zeigen, wenn ich morgens den Raum betrete, als Freude mich zu sehen. Und ich hoffe, dass ich mich nicht völlig täusche.

Eines meiner Ziele ist, sie in die notwendigen Verrichtungen im Alltag einzubeziehen. Das macht ihnen offensichtlich Spaß, denn mittlerweile kommt es vor, dass sie bestimmte Aufgaben selbständig beginnen und allein ausführen.

Seit Februar wird auf unserer Station renoviert. Das hatte zur Folge, dass Aufgrund der nötigen Räumung einer Hälfte der Station nunmehr 9 Bewohner in diesem Zimmer wohnen. Davon sind vier Personen Rollstuhlfahrer. Somit befinden sich in diesem ca. 25 m² großem Raum 9 Betten, 4 Rollstühle, ein kleiner Schrank und zwei Tische. Folglich ist es etwas eng, aber wir kommen zurecht.

 Eine ungewöhnliche Aufgabe, die Freiwilligen zuteil werden kann, ist die Betreuung von Bewohnern im Krankenhaus. Einer meiner Bewohner hat leider seit Januar eine nicht-ausheilen-wollende Lungenentzündung, weswegen er  bereits zweimal im Krankenhaus liegen musste. Da er nicht laufen kann, sehr schwach war, nicht allein essen konnte und Windeln benötigt, wurde er nur aufgenommen unter der Voraussetzung, dass er rund um die Uhr durch die Mitarbeiter des PNI betreut wird. Und um diese Aufgabe zu bewältigen, wurden wir gebeten, den Dienst mit abzudecken. In einem russischen Krankenhaus zu sein, war ebenfalls eine sehr interessante, intensive und etwas bedrückende Erfahrung.

Eine weitere wunderbare Aufgabe ist die Betreuung/Aufsicht bei Ausflügen der Bewohner. Für wenig eingeschränkte Bewohner besteht regelmäßig die Möglichkeit, an von Perspektivy organisierten Ausflügen teilzunehmen. Sie besuchen Galerien, Kirchen, Städte, Parks, Paläste, Konzerte… Ich durfte mit nach Neu-Peterhof  fahren, wo wir uns die frisch renovierte und neu eröffnete Kapelle des berühmten Schlosses anschauten. Und bei diesem Rockkonzert für behinderte Menschen war ich ebenfalls Begleiter.  

Ein besonderer Höhepunkt für die Bewohner ist jedes Jahr ein Ausflug über mehrere Tage. Leider gibt es dieses Jahr das Sommerlager nicht mehr. Dafür gibt es jetzt über das Jahr verteilt mehrere kleine Lager in verschiedenen Orten. Ich durfte im März als Betreuer mitfahren. Wo wir waren und was wir machten, schreibe ich in meinen nächsten Bericht.

Alles Gute und Liebe Grüße aus Petersburg sendet

Stefanie

Erfahrungsbericht Nr. 2

Einen wunderschönen guten Tag und liebe Grüße aus Sankt Petersburg sendet Euch Stefanie.

Es ist Ende Januar und der 5. Monat meines Freiwilligendienstes hier neigt sich dem Ende.
Es ist einiges passiert in dieser Zeit. Nicht lange nach dem Seminar des EFDs wurde ein Seminar von unserer Aufnahmeorganisation, Perspektivy, für uns Freiwillige organisiert. Wir waren dazu in einem Hotel in Repino, etwas außerhalb der Stadt. Der kleine Ort ist wunderschön am Finnischen Meerbusen gelegen. Vom Hotel aus waren es 5 min. zu laufen und man war am Meer, Sandstrand, Wellenrauschen, Wind. Wunderschön!

Das Seminar selbst war interessant. Es war sehr abwechslungsreich und vor allem sehr praxisorientiert. Es gab eine Einheit zur Selbsterfahrung, in der wir gefüttert wurden, im Rollstuhl geschoben (blind!) und als Blinde ohne Worte geführt wurden. Wir durften Szenen nachspielen, die uns allen nicht fremd waren und nachspüren, wie man sich als beeinträchtigter Mensch in der Situation fühlt und als Beobachter erkennen, was für Fehler als Freiwilliger gemacht werden könnten.
Es hat sehr viel Spaß gemacht, war aber auch sehr beeindruckend. Ich hätte nicht gedacht, dass es mir derart schwerfallen würde, mir nicht das Kinn abzuwischen, wenn beim Füttern etwas daneben ging und wie unangenehm sich das anfühlt. Oder wie schnell man die Orientierung für Richtung und Zeit verliert, wenn man stumm und blind im Rollstuhl geschoben wird. Ich konnte die Richtung nach kurzer Zeit nur noch wage vermuten, es kam mir unglaublich lang vor und Erschütterungen stauchten sehr, da keiner vor einem Schlagloch oder einer Wurzel warnte. Diesen Teil des Seminars fand ich am spannendsten. In anderen Einheiten bekamen wir gezeigt, wie man Personen richtig hebt, Zähne putzt, Rollstühle handhabt…Und natürlich gab es auch genügend Zeit, die anderen Freiwilligen besser kennen zu lernen. Wir waren 40 Freiwillige aus den verschiedenen Einrichtungen von Perspektivy.

Am ersten Dezemberwochenende würde uns die Möglichkeit gegeben, als Freiwilligengruppe nach Moskau zu fahren. Wir fuhren mit dem Zug über Nacht. Das war als Gruppe natürlich witziger als allein. Untergebracht waren wir in einer Walddorfschule etwas abseits vom Zentrum. Sie waren dort so gut ausgestattet, dass jeder von uns eine Matratze haben konnte! Nachdem wir uns etwas von der Zugfahrt erholt hatten (also nochmal geschlafen), starteten wir zu einem kleinen Stadtrundgang. Wir fuhren mit der Metro in die Stadt und liefen zum Roten Platz und dem Kreml. Dann konnte jeder machen, was er wollte. Wir besuchten eine Kunstgalerie bzw. eine ehemalige Weinfabrik, in der ein ganzer Komplex von Galerien untergebracht ist. Es gab einige sehr schöne Ausstellungen zu betrachten, die meisten waren Fotos oder Bilder. Am Sonntag besuchten wir ebenfalls eine Galerie, dann liefen wir noch ein bisschen herum und 22.00 Uhr fuhr unser Nachtzug zurück.

Mir hat Moskau sehr gut gefallen. Es war ruhiger als Sankt Petersburg, auch fühlte ich mich nicht so eingequetscht wie hier. Die Häuser hatten nicht alle eine einheitliche Größe, es war nicht alles so zugebaut. Vor allem das Ufer der Moskva hat mir gefallen, weil die Häuser nicht bis zum Uferrand gebaut waren. Es gab sehr viel Grün, auch mitten in der Stadt. Die Menschen liefen ruhig umher und wirkten sehr viel freundlicher als die Petersburger. Ich weiß nicht, warum in der Stadt so wenige Menschen unterwegs waren, die Metros so angenehm leer. Vielleicht war der Grund das Wahlwochenende, oder weil eben einfach Wochenende war oder es war die Kälte…Moskau bleibt mir jedenfalls in sehr guter Erinnerung.

Um die Weihnachtszeit gab es einige Veranstaltungen von Perspektivy, auch für uns. Es wurde ein russischer Abend von den russischen Freiwilligen gestaltet. Sie hatten viele russische Speisen vorbereitet und es wurden viele Spiele gespielt. Offensichtlich gehören Spiele in Russland zu jeder guten Party, was ich sehr gewöhnungsbedürftig finde. Dann gab es noch einen Weihnachtsabend, extra für uns Deutsche, zur Zeit des deutschen Weihnachtsfestes.
Die Organisation lud am 19. Dezember zur Jahreshauptversammlung ein, in der alle Projekte einen kleinen Beitrag leisteten, um so die Arbeit des vergangenen Jahres im Projekt den anderen Mitarbeitern vorzustellen. Es wurde über die Finanzierung gesprochen. Es wurden Preise verteilt an besonders gute Pädagogen, Vorgesetzte…Leider war der ganze Abend auf Russisch gehalten, was dazu führte, dass man kaum etwas verstand und große Teile des Abends einfach vorbeizogen.

Ein besonderes Highlight für mich war ein Rockkonzert, welches ich als Begleitung einer Gruppe von Bewohnern besuchen durfte. Es war in einer großen Halle und stand unter dem Motto „Es ist Zeit für Gleichberechtigung!“. Ich habe durch dieses Konzert einige gute russische Bands kennenlernen dürfen und hatte eine Menge Spaß mit den Bewohnern. Das war richtig schön!

Das Allerschönste geschah am 17. Dezember. Denn da kam mein Partner Kressin hier an, um einen Monat hier zu leben und mit mir zu arbeiten. Das war eine wunderschöne, ruhige und entspannte Zeit. Wir hatten einige Tage frei und fuhren z.B. zum Katharinenpalast nach Puschkin, um uns das Bernsteinzimmer anzusehen. Es ist viel kleiner als man denkt, wenn man die Bilder in Reiseführern betrachtet.

Das Beste war die Zusammenarbeit mit ihm. Wir bildeten ein gutes Team, haben Ideen entwickelt und umgesetzt. Durch die Arbeit zweier Freiwilliger war unglaublich viel Zeit für die Bewohner. Wir hatten viel Spaß gemeinsam in unserem kleinen abgeschlossenen Bereich.


Aber dazu mehr in meinem nächsten Bericht. Bis dann und eine schöne Zeit wünsche ich Euch!

Stefanies erster Erfahrungsbericht

Ein fröhliches Hallo an Alle und liebe Grüße aus Sankt Petersburg sendet Euch Stefanie!

Hier beginne ich nun nach drei Wochen in Russland meinen ersten Zwischenbericht zu schreiben. Wo fange ich an? Am Besten vorn!

Ich bin am 30.08.2011 nach einer schweren Verabschiedung von Freunden, Familie und meinem Freund mit dem Zug von Saalfeld nach Travemünde gestartet, um dort auf der Fähre nach Helsinki einzuchecken.
Es folgte eine wunderschöne Überfahrt mit Sonnenschein, Wind im Haar, dem Rauschen des Meeres, dem Schreien der Möwen und einer wunderschönen Landschaft, vor allem bei der Einfahrt in Finnland.
In Helsinki bestieg ich einen Linienbus, der mich in etwa 6 Stunden nach Sankt Petersburg brachte.

Mich nahm Verena, unsere Vorgängerin im Freiwilligendienst, herzlich – und zum Glück direkt an der Bushaltestelle – in Empfang und bereitete uns ein schönes und sehr informatives Willkommen.

Sie brachte mich zuerst einmal zu meiner Wohnung, die zwar außerhalb, aber wunderschön gelegen ist. Denn: wenn ich aus meinem Fenster schaue, sehe ich das Meer! Zu Fuß sind es circa fünf Minuten zu laufen. Welch ein Luxus!!!
Ich wohne mit zwei sehr netten Freiwilligen zusammen. Jara ist Russin (spricht zum Glück sehr gut deutsch) und arbeitet ebenfalls im PNI. Janis ist ein Deutscher, der in einem Tageszentrum von Perspektivy eingesetzt ist.

Am nächsten Tag trafen wir (Verena, Paul und ich) uns, um gemeinsam ins Office von Perspektivy zu gehen und danach nach Peterhof zu fahren, um uns das PNI, das Psycho-Neurologische Internat und somit unser Einsatzort im Freiwilligenjahr, zu besuchen.
Am Sonnabend machten wir einen ersten Stadtspaziergang und lernten dabei unsere Sprachlehrerin kennen. Anja ist eine sehr nette Frau und ich freue mich auf den Kurs.

Meine Arbeit in Peterhof ist spannend und sehr angenehm. Ich bin für ein recht schwieriges Zimmer zuständig. Die Bewohner sind stark eingeschränkt. Es leben dort 8 Menschen, die nicht sprechen, körperlich stark beeinträchtigt oder geistig behindert sind. Es macht viel Spaß, mit ihnen den Tag zu gestalten. Auch wenn es oft anstrengend ist.
Ich helfe ihnen beim Zähneputzen, bei der Hygiene und beim Essen. Außerdem versuche ich, angenehme Einheiten, wie kleine Massagen oder Spiele, einzubauen. Wenn das Wetter schön ist und es uns erlaubt wird, gehen wir draußen im Gelände des Heims spazieren.

Heute bin ich von dem On-Arrival-Trainig, einem Seminar der EU, wiedergekommen. Wir waren in Nizhniy Novgorod, einer alten Hansestadt an der Wolga. Das Seminar war mit seinen Teilnehmern aus 11 Nationen und dem Thema Russland wunderbar international. Es war sehr interessant, von den Teilnehmern zu hören, wie sie zu Hause leben und was sie hier in ihren Projekten tun. Es gab sogar zwei Leute, die in Sibirien in einem Dorf leben und dort das „richtige“ Leben mitleben. Sie gärtnern, bauen, ernten, fahren Kanu…Es war sehr angenehm, ihren begeisterten Schilderungen zu lauschen und ich hoffe sehr, dass ich die Zwei einmal besuchen werde!
Ich bin zum Seminar mit dem Zug gefahren. Über nacht. Es war herrlich! Man hat sogar Bettwäsche bekommen!

Das war es vorerst von mir und meinem Leben in Rußland.
Liebe Grüße aus dem schon recht kalten und häufig sehr feuchtem Sankt Petersburg!