März

Monat März
Der März. Ende des Winters? Nein, es schneit weiter. Nur an Temperatur hat es ein wenig gewonnen. Tagsüber schon mal im positiven Celsius Bereich, hilft die „wärme“ den Schnee in einen dunkel braunen, an vielen Stellen schwarzen Matsch zu verwandeln. Natürlich nicht besonders angenehm, zumal das spazieren gehen mit Rollstühlen unmöglich ist. Wenigstens für Katja und Leila lässt sich der ein oder andere Tag finden um in Stiefeln durch den kleinen Wald zu stapfen.

Auf der Station pendelt sich langsam ein sehr familiäres Arbeitsverhalten ein. Inzwischen kann ich fast alle meine staatlichen Mitarbeiterinnen beim Namen nennen und die Arbeitsverteilung ist einfach und klar. Das wird mir sehr fehlen, wenn ich denn irgendwann mal zurück auf die dritte Station ziehen sollte. Die Sanitarkas wechseln Windeln zwei mal während meiner Arbeitszeit bei allen Bewohnern. Gegen 10 Uhr Morgens und vier Uhr Nachmittags. Wenn in der Zwischenzeit etwas „in die Hose geht“ bleibt mir nichts anderes übrig, als das wechseln selber zu übernehmen. Denn auch wenn ich mich mit einigen von ihnen sehr gut verstehe, bekomme ich von allen, auf die Frage ob sie das Wechseln übernehmen, die Antwort „ja, gleich“. Auch die Aufgabe Katja zu fesseln, wenn ich gehe übernehme ich häufig selbst. Auch wenn es, meiner Meinung nach, inzwischen nicht mehr nötig ist, da sie sich an die neue Umgebung gewöhnt hat, werde ich immer wieder angeschrien, wenn ich es denn mal wieder „vergessen“ habe Bescheid zu geben. Also wird sie jetzt häufiger von mir zusammen gebunden, damit sie sich auch ja nicht in die Augen sticht. So werde ich weniger angeschrien und kann zu dem noch Katja so locker zusammenbinden, dass es für sie bestimmt ein wenig angenehmer ist, als von der rauen Hand einer Sanitarka gefesselt zu werden.

Sonst ist nicht besonders viel passiert, außer dass das Geld für den April welches die Bewohner für die Tee und Kekse bekommen, aus irgendwelchen Gründen niemals die neunte Station erreicht hat. Unsere Bewohner bekommen jeden Monat eine kleine Rente. Dieses Geld wird bei den unmündigen Bewohner unseres Heimes zu 100 % von staatlichen Mitarbeitern verwaltet. Ein Teil davon wird auf der dritten Station von der Sozialarbeiterin dazu verwendet Tee, Kekse oder Kuchen für die Leute zu kaufen. Da auf unserer Station fast alle unmündig sind und ihrem Freiwilligen nicht sagen können, was er für sie einkaufen soll, gibt es jeden Tag Tee. Eine Sozialarbeiterin gibt es auf der neunten Station auch, allerdings ist sie nur ein, zwei mal in der Woche auf der Station, was die Qualität des tee-trinkens ein wenig erhöht. Zum Beispiel gibt es schon mal Würstchen, Joghurt oder eine Packung Schmelzkäse zum Tee. Wie auch immer, im April für meine Mädels nicht, da wie gesagt das Geld ausgeblieben ist.

 

Monatsbericht_März_Paul_Koll

Bewohner Nummer 147/03

Nichts spektakuläres passiert diesen Monat. Ich weiß gar nicht, was ich schreiben soll. Neuer Monat, neue Zuständigkeit so zu sagen. Zumindest fast.

Die Verlegungen von Bewohnern auf andere Stationen, wegen der Renovierung, steht so
weit fest und so wird es jetzt erst mal eine Weile bleiben. Aufgrund dessen haben wir die Zuständigkeit ein wenig abgeändert, um auch uns Freiwilligen die Arbeit zu erleichtern, damit wir nicht die Hälfte der Zeit mit hin und her rennen zwischen den Stationen verbringen. Ich bin jetzt für alle Frauen zuständig, die von unserer Station 3 nach oben auf Station 9 gezogen sind, die normalerweise von alten Frauen bewohnt wird. Oksana und Katja waren ja ohnehin schon dort untergekommen und jetzt habe ich noch zusätzlich eine andere Katja (aus Zimmer 7) die ich vorher schon mal für kurze Zeit hatte, Olga und Julia (die sehr fit ist) [Foto] dazu bekommen.
Der einzige Grund für mich noch auf unsere alte Station zu kommen ist Leila. Die Pädagogen haben sich gedacht, dass man uns jetzt auch nicht mehr trennen kann. Die Station 9 erinnert mich sehr an ein Altenheim. Es ist sehr ruhig und gemütlich. Die Wände sind tapeziert und nicht aus nacktem Beton, in den Sitzecken liegen Teppiche und alles ist ein wenig heller. Es gibt bequeme Sofas und das Personal ist deutlich weniger gestresst, was schon in der ersten Woche zu ersten Gesprächen geführt hat. Die gewonnene Zeit und Ruhe habe ich ausgenutzt, um mich sehr viel mit Katja zu beschäftigen. Ihr ging es dort oben am Anfang nicht besonders gut und sie hat oft geweint. Ich muss immer noch jeden Tag, wenn ich gehe Bescheid geben, dass sie gefesselt wird.
Und jeden Tag hoffe ich, dass die Sanitarka der ich Bescheid sage es schnell wieder vergisst oder sich viel Zeit lässt, damit ich nicht hören muss, wie Katja schreit, dass es über den ganzen Flur zu hören ist. Bei ihr bleiben kann ich auch nicht, weil ich immer rausgeschmissen werde, weil sie sich
dann angeblich noch mehr aufregt. Was sehr angenehm dagegen ist, dass die meisten  Mitarbeiterinnen mich schon mit dem Vornamen ansprechen. Mit manchen Mitarbeitern habe ich mich auch schon ein wenig unterhalten, was in den vorigen fünf Monaten auf Station 3 nie vorgekommen ist. Teilweise sehr nette, alte Frauen mit interessanten Lebensgeschichten. Ich bin
anscheinend so was wie ein Enkel auf der Station, dem man sein Leben erzählen kann. Nur leider (oder Vielleicht zum Glück) verstehe ich immer noch nicht jedes Wort. Ich denke meine Zeit auf der 9 wird sich auch auf mein Russisch positiv auswirken, da ich ja außer beim Mittagessen der Bewohner der einzige Freiwillige dort bin.

Die letzten zwei Wochen bestanden aus mehr Seminar als Arbeit. Vom 18.-23. war ich wieder in Nizhny Nowgorod auf dem Zwischenseminar vom „European Voluntary Service“. Und 28. und 29. vereinsinternes Zwischenseminar von Perspektiven. Oh.. ja.. Morgen (4.3.) ist Präsidentenwahl. Diktator Putin gegen Oligarchen Prochorov. Mit dabei noch ein Kommunist, ein Nazi und ein Putin-Surrogat. Die anderen interessanten Kandidaten wurden nicht zugelassen, mit den verschiedensten Ausreden. Naja. Ich freue mich auf die Demonstrationen und auf die Revolution… Ha ha.. Das war’s schon.

Monatsberich_Februar

Die Geschichte von Liebe und Zähnen

Die Geschichte von Liebe und Zähnen
So.. wird schon wieder Zeit für einen Bericht.
Der Dezember ist ja quasi durch meinen Urlaub ausgefallen. Ich habe zwei Wochen bei
der Familie verbracht und bin am 29. Dezember wieder hier „zu Hause“ angekommen.
Daher habe ich auch nur über Skype erfahren, dass Leila am 20. Dezember endlich aus
Kaschenko zurückgekehrt ist. Große Freude und Erleichterung.
Am 30. Dezember war mein erster Arbeitstag nach dem Urlaub. Ein Tag, nach dem es
Weihnachtsgeschenke gegeben hatte. Dementsprechend sah Peterhof eher nach
Schlachtfeld aus Geschenkpapier und Süßigkeiten aus, als nach dem, was ich in
Erinnerung hatte. (Ein Schlachtfeld, geleitet von einem inkompetenten Arzt, mit
heruntergekommener Tapete und unfreundlichen Mitarbeiterinnen, die die Überreste
wegmachen).
Meine Zuständigkeit für meine Bewohner hat sich auch ein wenig verändert.
Jedenfalls ein sehr heiterer erster Arbeitstag, eine gut gelaunte Leila und Unmengen an
Süßigkeiten, die bei jedem Diabetiker beim bloßen Anblick zum Tod geführt hätten.
Dann war schon wieder Wochenende und die folgende Woche (2.-6.1.) ist in Russland
anscheinend eine Feiertags-Woche. Meine Kollegen hatten frei, bzw. es gab einen Plan, in
den wir uns für die einzelnen Tage eintragen konnten, an denen wir arbeiteten.
Unser PNI ist doch sehr einsam mit nur einer Hand voll Freiwilligen.
Der Freitag dieser Woche ist mir die ersten Tage noch ganz gut in Erinnerung geblieben.
Das erste was meine noch sehr verschlafenen Augen zu Gesicht bekommen war ein
komplett mit Blut vollgeschmierter Mischa. Mischa wohnt bei Steffi im Zimmer und ist
Geistig einer der schwächsten Bewohner. Mischa klaut ständig Essen und hat den Blick
eines Psycho-Killers. Er wird zur Bannja („Dusche“, ein mal die Woche) regelrecht
geprügelt und bekommt des öfteren von stärkeren Bewohner Schläge und Tritte mit.
Naja. Blutverschmiert also ab zum Waschen. Unser medizinisches Personal war zufälliger
Weise gerade natürlich gesammelt Tee trinken.
Das ich ihm im Gesicht herum gewischt habe, hat Mischa offensichtlich gar nicht gefallen.
Ich habe mich gefühlt, wie in einem Horrorfilm, als Mischa sich plötzlich zu mir umdreht,
mich im dunklen Licht, das die völlig verdreckte Lampe spendet, anguckt als würde er
mich am liebsten fressen wollen und seine noch immer blutverschmierten Hände langsam
in die Richtung meines Gesichtes hebt.
Er ist weder gefährlich noch besonders stark, aber es hat gereicht, mir einen schönen
Frühstücks-Schock zu versetzen.
In der folgenden Woche haben wir eine neue Freiwillige bekommen, die jetzt das Zimmer
auf Station 10 übernommen hat, in dem Vika und Ksjuscha inzwischen wohnen. Ist auf
einer Seite schade, dass ich die zwei abgegeben habe, auf der anderen Seite eine
unglaubliche Erleichterung für mich, da ich viel weniger Zeit mit rennen verbringen muss.
Zeitgleich gab es wieder eine dieser Geist freien Entscheidungen unseres geliebten
Stationsleiters auf unserer Station 3.
Leila, die in Zimmer 7 eingezogen war sollte mit Katja tauschen (Zimmer 6). Um das mal
hier abzukürzen: das Ende vom Lied war schließlich, dass unsere bildungsminderbemittelten
Mitarbeiterinnen nicht Katjas sondern Schannas Bett um geräumt
haben und der Meinung waren das Katja jetzt einfach in diesem Bett zu schlafen hat und
schlussendlich dann doch Schanna umgezogen ist.
Als nächstes der 23. Januar. Eine wöchentliche Versammlung mir unserem Stationsarzt,
der Oberschwester und den Freiwilligen. Begleitet von zwei Reportern, die einige Tage in
Peterhof ein bisschen gefilmt haben.
Uns wurde gesagt, dass in der nächsten Woche mal wieder eine Renovierung ansteht.
Montag geht’s los. Das war die erste Versammlung mit unserer Stationsleitung, bei der wir
überhaupt Fragen gestellt haben, da normaler Weise niemand auch nur ansatzweise Lust
hat mit einem so unfassbar (…) Menschen, wie es unser leitender Arzt ist zu reden.
Ich konnte meine Frage wenigstens noch los werden, bevor der sich in die Ecke gedrängt
gefühlte Arzt die Besprechung ohne plausiblen Grund mit den Worten „Dima! Vsio!“ (Dima!
~Ende/Alles!) beendete.
Auf meine Frage ob denn diesmal wenigstens Katja in ein Zimmer verlegt werden könnte,
statt auf den Flur bekam ich ein ausweichendes aber bestimmtes „Niemand wird auf dem
Flur schlafen!“ als Antwort.
Was passiert am nächsten Tag? Mein Zimmer wird ausgeräumt. So weit, so gut. Alle
meine Betten stehen auf dem Flur. Langsam machen sich Zweifel breit. Was heißt
Zweifel.. ich habe nie wirklich an diese Aussage geglaubt. Ich hatte nur nicht gedacht,
dass dieser Mensch mir so schamlos ins Gesicht lügt. Na gut.. erst mal abwarten.
Ganz interessant war dann aber, dass Freds komplettes Zimmer bei mir eingezogen ist
und meine Mädels von Dienstag bis Donnerstag auf dem Flur geschlafen haben. Mein
Zimmer wurde also nicht geräumt, weil da etwas vorgenommen werden musste, es wurde
nur Platz geschaffen, für Bewohner, die klar genug sind um zu verstehen was passiert.
Am Donnerstag (26.1.) dann haben sie Katja und Leila endlich irgendwo untergebracht.
Die Verteilung sieht jetzt wie folgt aus. Schanna Station 3/Zimmer 7; Leila und Dascha
Zimmer 9; Katja und Oksana Station 9 (liegt noch weiter weg als die 10). Das sind die
Frauen, die ich noch weiter betreue. Wir haben wieder eine neue Freiwillige bekommen,
die das Zimmer 7 übernommen hat. Ich habe jetzt nur noch 5 Frauen um die ich mich
kümmere.
Katja und Oksana leben jetzt, vorübergehend, auf der Station 9 mit alten Frauen
zusammen die an manchen Tagen sehr nervtötend sein können.
Die Station dort ist eigentlich ganz nett gemacht. Es ist ruhig, es liegen viele Teppiche auf
dem Boden, die Wände haben eine angenehme helle Tapete und ganz wichtig: es gibt
besonders nette Mitarbeiter. Und an den Geruch von vor sich hin vegetierenden Menschen
gewöhnt man sich auch mit der Zeit.
Trotzdem gibt es etwas was mich gewaltig stört. Nicht an der Station, sondern am System.
Katja hat natürlich wieder Angst ohne Ende die arme. Das Wochenende muss schrecklich
gewesen sein. Ich habe die ganze Woche vorher ihr immer wieder erzählt, dass sie
umziehen wird und mich besonders viel mit ihr hingesetzt. Trotzdem ist sie wohl am
Wochenende wieder ausgerastet.
Jetzt darf ich jeden Morgen ihre Fesseln auf knoten. Sie wird in eine mit Bettlaken
improvisierte Zwangsjacke gesteckt, damit sie sich nicht selber den Schädel einschlägt
bzw. eintritt.
Das kann man leider nicht ändern, weil der Fehler der hier begangen wird auch nicht bei
den staatlichen Mitarbeitern liegt, sondern eben im System.
Die einzige Möglichkeit Katja zu beruhigen ist sich mit ihr LANGE zu beschäftigen und viel
mit ihr zu reden. Diese Zeit hat natürlich niemand vom staatlichen Personal. Es gibt viel zu
wenig Mitarbeiter, zu wenig Leute in der Gesellschaft die bereit sind soziale Arbeit zu
leisten. Das ergibt: Nur zwei Möglichkeiten Katja davor zu schützen sich selbst den
Schädel einzuschlagen. Fixieren oder runter spritzen. Beides weder angenehm noch
menschlich.
Das ist schon echt nicht einfach zu akzeptieren, weil ich jetzt immer wenn ich gehe
Bescheid sagen muss, dass sie jetzt alleine ist. Soll heißen, ich muss Bescheid sagen,
dass sie gefesselt wird.
Was mich noch ganz besonders in Peterhof stört ist die medizinische Versorgung der
Bewohner.
Dass der „Zahnarzt“ den Bewohnern Zähne die nicht mehr vollständig in Ordnung sind
zieht, statt behandelt, ohne Betäubung versteht sich, ist genao so gewöhnungs bedürftig,
wie die Prozedur des zweimal jährlichen Röntgen-scan.
Da wird dann eine sehr schwache Bewohnerin, die mit den Glasknochen, mit Schwung auf
den Tisch gehoben und bis auf die Windel ausgezogen. Dann alle schnell raus, die Tür
zum Flur lässt sich auch nicht von außen schließen. Nur von innen mit einem Riegel, aber
die Ärztin hat gerade wichtigeres zu tun. Also bleibt die Tür zum Flur angelehnt. Muss
reichen.
Dann war Leila dran, auch ohne Bleischürze einfach auf einen Stuhl gesetzt. Serjoscha,
ein sehr stumpfer aber starker Mann der auf unserer Station lebt, bleibt daneben stehen
um sie festzuhalten und zieht es dabei vor sich die, offenbar einzige, Bleischürze lieber um
den Hals zu hängen.
Dann einmal kurz Ganzkörper-Bestrahlung. Fertig.
Tak…. vsio!
Bleibt gesund bei dem bisschen Eis in Deutschland. Das nennt sich „Winter“!
Ich bin jetzt im Januar mal bei -25 Grad morgens zur Arbeit gelaufen.

 

.pdf mit Bildern: Monatsbericht_Januar

November

„Für ein Lächeln“
Der Monat November war relativ ereignislos. Das ist auch der Grund, dass dieser Bericht ein wenig verspätet überall ankommt. Meine kreative Phase hat ein wenig auf sich warten lassen.
Die Wohnungssituation hat sich gefühlt wöchentlich verändert und jetzt endlich scheint sie bis zur nächsten Renovierung im Winter fest zu stehen.
Von meinen 9 Mädchen die ich jetzt habe, ich habe Mascha und Oksana aus Zimmer 7 fest übernommen, schlafen nie mehr als 2 in einem Zimmer.
Katja und Schanna in Zimmer 6, Oksana & Masha (Zimmer 7), Dascha (Zimmer 9), Nadja (Zimmer 16), Vika & Ksjuscha (Station 10/Zimmer3). Und Leila ist auch immer noch nicht wieder da.
Allerdings ist uns gesagt worden, dass Leila in der Woche vom 5.-9. Dezember wiederkommen soll.
Dann kommt sie erst eine oder zwei Wochen in Quarantäne und dann endlich zurück auf die Station.
Auf Grund der neuen Verteilung der Zimmer bin ich sehr viel mit hin und her rennen beschäftigt.
Die Verteilung ist für niemanden von uns nachvollziehbar, besonders dass Nadja jetzt in Zimmer 16 liegt ist komisch. Man scheint hier Menschen mit scheinbar „ähnlichen“ Behinderungen zusammen zu legen. So wohnt Nadja jetzt mit 10 (!) anderen schwerbehinderten Bewohnern in einem Zimmer.
Am 12. November hat es endlich geklappt. Ich habe mit Valia Leila in Kaschenko besuchen können.
Wir sind sehr früh am Morgen losgefahren weit aus der Stadt raus. Kaschenko besteht aus mehreren Gebäuden, die von einer Mauer umgeben in einem kleinen Waldstück stehen.
Mit Essen und Saft für Leila ausgerüstet sind kamen wir also in Kaschenko an. Alle Stationen dort sind natürlich geschlossen, und so wurden wir in einen Besuchs-Raum geführt, um dort auf Leila zu warten. Wir waren ziemlich gespannt und auch sehr überrascht, weil uns niemand nach einem
Ausweis fragte. Nach ziemlich langer Zeit kam dann die kleine Leila an der Hand der Krankenschwester zu uns. Es war ein sehr glückliches wiedersehen, allerdings für mich auch nicht ein ganz einfaches. Leila trug
eine Windel, Kniestrümpfe, ein T-Shirt, Hausschuhe und einen ziemlich hässlichen, altmodischen Bademantel. Außerdem ein Band um die Hüfte, dessen Zweck uns schnell klar wurde.
Leila braucht keine Windel. Sie geht selbstständig aufs Klo und das T-Shirt roch so also wäre es nicht sehr frisch. Valia und ich kamen zu dem Schluss, dass sie die anderen Sachen wahrscheinlich Alibi-mäßig für unseren Besuch angezogen bekommen hatte. Das Band um die Hüfte und die Striemen an ihren Handgelenken machten es für uns offensichtlich, was wir schon vermutet hatten, nämlich dass sie dort am Bett fixiert wird.
Dennoch hatten wir gute Laune, denn Leila tat unser Besuch sehr gut. Sie hat sich sehr gefreut, dass wir da waren und uns auch direkt erkannt. Unser Besuch dauerte leider nicht sehr lange, da Leila müde war und uns immer wieder in Richtung Station zu ziehen, zu ihrem Bett vermutlich.
Ein paar unserer Therapeuten haben begonnen Theater mit den Bewohnern und Freiwilligen zu spielen. Also treffen wir uns jetzt jede Woche Montag zum Theater spielen. Jede Mal ein ziemliches Chaos und immer sehr witzig.
Von meinen Mädels ist nur Dascha dabei und Soja aus Zimmer 7 kommt immer noch mit mir.
Am 18. November gab es noch ein größeres Ereignis, dass von unserer Ausflugs-Organisatorin organisiert worden war.
Wir waren mit einigen unserer fußballbegeisterten Bewohnern im Stadion. FC
Zenit St. Petersburg gegen einen Club namens „Anzhid“.
Freitag Abend, nach der Arbeit hat uns unser Bus in die Stadt gebracht. Jeder Freiwillige mit einem Bewohner. Meine Frauen sind keine großen Fans vom Fußball und deshalb bin ich mit einem anderen Rollstuhlfahrer, Sascha,
gefahren.
Wir saßen direkt am Spielfeldrand. Das Spiel selber war nicht sonderlich interessant, aber unsere Leute hatten sehr viel Freude und als wir in der Halbzeitpause mit den Rollstühlen zum Fan-shop durch die Menge gelaufen sind gab sehr viele komische und auch überraschte Blicke.
Wirklich kein alltäglicher Anblick hier ein Mann im Rollstuhl, der keine alte Uniform trägt und bettelt.

Fred und ich haben in unserem Kunststudio einen echten Künstler entdeckt, dessen Bilder uns größtenteils echt gut gefallen. Er heißt Vassilij
(genannt: Wassja).
Wir waren gerade dabei, wie er dieses Bild hier fertig gemalt hat nach 5 Monaten. In der letzten Ecke malt er gerade die letzten weißen Stellen aus. Fred und ich sind einfach nur gespannt in atem und fassungsloser Bewunderung.
Wassja malt zu Ende. Setzt den Deckel auf den Stift. Lehnt sich zurück und betrachtet sein Werk. Nimmt das Blatt an einer Ecke. Reißt es vom
Tisch und wirft es hinter sich!
Ich ärgere mich immer noch, dass niemand unsere Gesichter in dem Moment gefilmt oder fotografiert hat. Es muss zu komisch ausgesehen haben.
Freds Kommentar zu dieser Situation: „ja, ein echter Künstler der seine eigene Kunst verachtet“

Zuletzt habe ich in diesem Monat zweimal mit angesehen, wie Bewohner von anderen Stationen im schwarzen Leichensack abgeholt worden sind.

Eine sehr schnelle und harte Aktion. Die, nennen wir sie mal Sanitäter, kommen mit einer schwarzen Plane in der Hand ins Haus. Es wird kurz gefragt, wo sich die gesuchte Station befindet.
Dann, etwa fünf Minuten später, kommen sie wieder raus mit einer Trage auf der eben dieser
schwarze Sack liegt. Der Kofferraum des Kleinbusses wird geöffnet und der Sack, wie mit
Kartoffeln gefüllt, hinein geworfen. Die Bewohner werden verbrannt und dann in anonymen
Massengräbern entsorgt.
Vor ein paar Wochen ist auch ein Bewohner unserer Station gestorben, wovon wir allerdings nicht
viel mitbekommen haben, weil er seit Anfang September in einem Krankenhaus war.
So lebt es sich als behinderter Mensch in Russland. Kinderheim Pavlovsk,
PNI, „Schokoladen-Haus“ wie das Krematorium in unserem Garten genannt
wird (Foto). Es ist zum Glück stillgelegt.
Jeder unser Bewohner ist für den Staat nur ein Gesichtsloser. Den man
ausbeuten kann, von dem man bei „Wahlen“ Stimmen erpressen kann. Ein
Niemand, dem man nur zu sagen braucht, „wenn du die regierende Partei
nicht wählst, bekommst du kein Essen mehr“.
So läuft das. Und so einfach und so grausam ist das.
Ich bin sehr froh den Menschen, die am meisten unter diesem kranken System leiden, ein wenig zu
helfen. Ihr Leben erträglicher zu machen. Die Menschen, die nicht in der Lage sind ihre eigene
Situation zu ändern und unter der Blindheit, Trägheit und Gleichgültigkeit vieler ihrer Landsleute
leiden müssen.

Monatsbericht Oktober

„Kaschenko“
Ich habe wirklich gedacht, in meinen ersten Wochen hätte ich die härtesten Schocks des
Jahres bekommen. Weit gefehlt…
Da ich nicht vorhabe ein ganzes Buch zu schreiben werde ich hier nur die (für mich)
bedeutendsten Ereignisse festhalten.
Die Probleme, welche ich noch im ersten Bericht zu Papier gebracht habe haben sich
aufgelöst und sind zur Normalität geworden. In den ersten Wochen pendelte sich so
langsam ein Alltag ein, aber dann habe ich schnell gemerkt, dass es in Peterhof niemals
einen Tag geben wird, der gleich ist wie der vorige. Peterhof kann niemals langweilig
werden.
Ich versuche mal zu veranschaulichen, wie unser Flügel des Gebäudes ungefähr aussieht:
Auf vier Etagen verteilt befinden sich:
____Station Nr. 2____________[]__________Station Nr. 9______________
____Station Nr. 3____________[]__________Station Nr. 10_____________
____Perspektivy_____________[]___Frauenstation (geschlossen für uns)__
___Quarantäne-Station_______[]__________leerstehend____________
Auf dem Perspektivy Flur befindet sich unser Freiwilligenraum, Küche, Therapie-Räume,
usw.
Auf den Stationen 2 und 9 „leben“ (vegetieren vor sich hin) Frauen höheren Alters. Station
3 ist unsere Station. Die einzige Station, auf der Männer und Frauen zusammen leben.
Station 10 ist die neue Station von Perspektiven, auf der im Moment zwei deutsche und
eine russische Freiwillige arbeiten.
Jetzt endlich zum Thema: Alle diese Stationen werden im Moment nacheinander renoviert.
Station 9 und 10 sind bereits fertig, und am Anfang fingen die Arbeiten auf unserer Station
an, was meine Mädels, eigentlich alle unserer Bewohner, extrem unruhig gemacht hat.
Katja, meine blinde, autoaggressive Autistin hat sich seit dem beginn der Arbeiten sehr
stak verändert.
Das erste Mal hab ich das in der zweiten Oktober-Woche beim Mittagessen gemerkt. Sie
ist vollkommen ausgerastet, vom Tisch aufgestanden und hat begonnen, sich wirklich hart
ins Gesicht zu schlagen. Ich habe ihr Handgelenke festgehalten und gut auf sie
eingeredet, was sie nicht dazu gebracht hat sich zu beruhigen, sondern sich mit dem Knie
ins Gesicht zu treten und auch nach meinen Schienbeinen zu treten.
Jedenfalls ist mir Laura, eine deutsche Freiwillige, deren Bewohner im gleichen Zimmer
wie meine zu Mittag essen, zu Hilfe gekommen. Vollkommen darauf konzentriert Katjas
rechtes Handgelenk und Knie festzuhalten bin ich wohl einen winzigen Moment
unaufmerksam gewesen, was Katja dazu genutzt hat mir ziemlich heftig in den
Handrücken zu beißen. Ich habe es gerade noch so geschafft meine Hand wegzuziehen
und sie so nicht ihrer gesamten Beißkraft auszusetzen, aber es hat gereicht mir ordentlich
Schmerz zu bereiten und meinen Handschuh zu zerreißen.
Daraufhin habe ich Katja an den Schultern von hinten halb geschoben, halb getragen,
zurück ins Zimmer begleitet, damit sie ihren eigenen ruhigen Raum hat um sich ein wenig
zu entspannen. Leider hat nicht mal ihre Mozart-CD geholfen sie zu beruhigen.
Das war der erste Ausraster dieser Art. Es waren in den folgenden Tagen immer mal
wieder ähnliche Situationen, aber ich war wesentlich aufmerksamer.
Der erste Ausraster war am Montag (10. Oktober).
Am Donnerstag derselben Woche folgte der nächste Schock.
Leila begrüßte mich wie immer auf dem Flur.
Allerdings habe ich Vika und Ksjuscha nicht gesehen, was mich dann doch gewundert hat,
weil sie normalerweise immer im Flur sitzen und Radio hören. Ich habe mir nichts
besonderes gedacht, weil wie schon erwähnt ist in Peterhof nichts wie am Tag vorher.
Der Schock kam mit dem öffnen der Tür zu meinem Zimmer. Leer. Alles weg.
Die Betten weg, Schränke an einer Wand zusammen geschoben, alle Bilder von
Schränken und Wänden abgerissen.
Ziemlich durcheinander habe ich dann die Suche nach meinen Mädels begonnen.
Erst beim verlassen meines Zimmers sind mir die ganzen Betten aufgefallen, die überall
auf dem Flur verteilt waren. Katja war schnell gefunden. Sie hing neben der
Gemeinschafts-Toilette, mit dem Kopf auf der Brille, schlafend.
Mein Zimmer war umgezogen. Auf den Flur… meine beiden autistischen Schützlinge
sollten auf dem Flur schlafen!
Bei der weiteren Suche habe ich mit ein wenig Erleichterung feststellen können, dass
wenigstens die anderen auf der Station 10, die ja bereits fertig renoviert ist, gut
untergebracht waren. Besonders Vika liebt ihr neues Zimmer und möchte unbedingt dort
bleiben.
Ich habe alle versucht, wenigstens Katja vom Flur weg zu bekommen, aber keines meiner
Gespräche konnte etwas bewegen.
So musste Katja erst einmal auf dem Flur bleiben, was sie natürlich überhaupt nicht
verstehen konnte. Ausraster wurden zur Regel. Und da sich das medizinische Personal
anscheinend nicht mehr anders zu helfen wusste, gab es Tage an denen sie, unter
Einfluss von Medikamenten, komplett durchgeschlafen hat und nicht ansprechbar war.
Das Wochenende muss furchtbar gewesen sein.
In der nächsten Woche hatten alle Perspektiven-Freiwilligen ein Seminar in Repino, einem
kleinen Vorort von St. Petersburg, direkt am Meer.
Mit der Rückkehr nach Peterhof am Freitag dieser Woche (21.) kam direkt der nächste
Schock. Leila war weg. Nicht auf der 3. Station, nicht auf der 10.
Erst nach einigen Gesprächen mit dem Personal wurde mir gesagt, dass Leila offiziell für
zwei Wochen auf die Station über unserer (Station 2) verlegt worden war. Mein erster
Besuch auf dieser Station war erschreckend.
Dort leben alte Frauen, die alle körperlich „sehr fit“ sind (soll heißen: laufen und essen
selbstständig). Diese Station ist absolut gruselig. Es ist vollkommen ruhig. Es ist kein
richtiges Leben mehr dort. Nur noch ein ewiges vor sich hin vegetieren. Die wenigsten
stehen noch aus ihren Betten auf. Etwas trostloseres habe ich selten zu Gesicht
bekommen.
Da wohnt jetzt also meine kleine, aktive, sehr unruhige Leila. Naja.
Im Laufe des Tages jedenfalls ist mir aufgefallen, dass auch noch 3 Frauen aus Zimmer 7,
das neben meinem liegt und keinen Freiwilligen hat, auf die Stationen 2 und 9 gezogen
sind. Da ich vorher schon Kontakt mit ihnen gehabt habe und Dima mich noch gefragt hat,
ob ich weiter mit ihnen Zähneputzen kann, ist mein Kontakt zu dieser Gruppe sehr stark
gewachsen. 6 neue Frauen. 6 neue Behinderungen.
Jetzt hatte ich also 12 Frauen auf vier Stationen. Leila (Zimmer 6) & Oksana (Zimmer7)
auf Station 2.
Soja & Katja B (7) auf Station 9.
Schanna, Vika, Ksjuscha, Dascha (6), Dina, Mascha & Sveta (7) auf Station 10.
Und meine Autistin Katja alleine im Flur auf Station 3.
In diesen Tagen habe ich wahrscheinlich mehr Zeit mit laufen verbracht, als mit den
Bewohnern, auch wenn ich die Frauen von oben öfters mit nach unten genommen habe,
wovon aber jedes Mal die Stationsleitung informiert werden muss. Wie über alles.
Aber in Sachen Stress und Schocks übertrifft, bis zu diesem Zeitpunkt, der 25. Oktober
alles. Er begann wie die beiden letzten. Zähneputzen, alle schön der Reihe nach. Bei Leila
angekommen fing es an. – Leila liebt Wasser. Zähneputzen weniger, da sie auch nur noch
4 oder 5 Zähnchen im Unterkiefer hat. –
Am Tag vorher habe ich schon gemerkt, dass sie sehr ruhig war und ein bisschen gezittert
hat. Ich habe gedacht, es sei wegen neuer Medikamente, die sie zur Beruhigung
bekommt. Wir bekommen ja keinerlei Informationen vom Personal.
Beim Zähneputzen fing sie heftig an zu zittern und fiel nach hinten um, wo ich zum Glück
in diesem Moment stand. Zuckend und zitternd lag sie in meinen Armen. Der beginn eines
epileptischen Anfalls, was ich in diesem Moment aber überhaupt nicht verstanden habe.
Voller Angst und Sorge habe ich sie zurück in ihr Bett getragen. Sie, immer noch zitternd
und die Augen verdrehend. Erst als sie im Bett lag beruhigte sie sich ein wenig. Erst dann
habe ich mich daran erinnert, das bei ihr Epilepsie diagnostiziert wurde.
Als nächstes habe ich die Krankenschwestern informiert. Mit der Aussage „ja, ja, wir
gucken gleich mal“ ging es weiter zu Valia, die vielleicht wissen würde, was zu tun sei.
Valia ist die zuständige Mitarbeiterin von Perspektiven unter anderem für mein Zimmer.
Zurück in Leilas Zimmer habe ich auf ihrem Bettrand gesessen und auf Valia gewartet, die
gerade eine neue Freiwillige einführte.
Leila ging es sichtbar schlecht. Immer am zittern und zwischendurch diese
Schwächeanfälle. Dann passiert es. Ein epileptischer Anfall der krassesten Sorte.
Laura war auch im Zimmer, sie hatte mitbekommen was los war.
Leila verkrampfte sich, ihr Gesicht lief rot an.Die Sehnen am Hals traten hervor.
Laura lief los um Hilfe zu holen. Ich war einfach nur geschockt.
Meine arme, kleine Leila.
Ihre Augen drehten sich nach oben, nur noch weiß. Ihr kam Schaum aus dem Mund und
lief die Wange runter. Dazu Geräusche von ihr die sich am besten beschreiben lässt mit
einer Mischung aus röcheln, stöhnen und wimmern.
Eine Szene wie aus einem Horrorfilm. Einem wirklich extrem realen Horrorfilm. Ich
schreibe später weiter… ich sehe nichts mehr vor lauter Tränen.
Sobald der Anfall vorbei war habe ich Valia angerufen. Ich fühlte mich hilflos.
Ich habe versucht Leila zu beruhigen. Wie uns später erzählt wurde, verursachen manche
epileptischen Anfälle starke Schmerzen, was die folgende Situation erklärt.
Leila versuchte aufzustehen, versuchte aus dem Bett zu klettern. Sie war nicht mehr zu
halten.
Ich habe Leila noch nie ein lautes Geräusch machen hören. Maximal ein Lachen oder ein
Seufzen. Aber an diesem Tag hat sie geschrien, wie ich es nicht könnte.
Vielleicht habe ich das auch nur so empfunden, aber es war für Leila unglaublich laut. Sie
rannte im Zimmer hin und her und schrie. Valia und eine der Krankenschwestern waren
mit Laura und mir im Zimmer. Ich war mit der Situation überfordert und wusste überhaupt
nicht, was ich tun konnte. Valia erklärte, dass sie dieses Verhalten auch zum ersten Mal
sehen würde, aber das Leila wohl nur so damit umgehen kann. Herum rennen und
schreien. Nach einer gefühlten Ewigkeit, die ich mit Valia im Zimmer auf dem Boden
gesessen habe um Leila zu beobachten und aufgepasst habe, dass den anderen
Bewohnern nichts passiert, beruhigte sich Leila wieder. Sie suchte Kontakt zu mir, wenn
auch nur für wenige Sekunden. Als Leila dann auf ihrem Bett saß und sich vollkommen
beruhigt hatte, habe ich ihr eine Schnur (sie liebt Schnüre über alles) dagelassen und
musste erst mal Mittag essen.
Nach dem Mittagessen hat sie viel geschlafen. Als ich gegangen bin war sie wach, lag
aber im Bett und war ziemlich fertig.
Das war also der schlimmste Schock. Bis dahin jedenfalls.
Weit schlimmer für mich war der Donnerstag danach. Zwei Tage später.
Eine von Leilas ehemaligen Mitbewohnerinnen kam mir entgegen. „Leila… die kleine…“.
Weinen. Nichts mehr. Keine Informationen.
Mit einem sehr unguten Gefühl im Bauch begann also die nächste Suche nach Leila. Nicht
im Zimmer. Die Frauen sagten was von „weggefahren“. Die Krankenschwestern konnten
mir keine Auskunft geben.
Dima fand heraus, dass sie überwiesen worden war. In eine Psychiatrie. Leila?!
Psychiatrie??
Warum? Wohin? Kann ich sie besuchen? Alles Fragen die das Personal nicht
beantwortete.
Dann fiel das Wort das mich mehr schockte als alle anderen Situationen in Peterhof
zusammen.
„Kaschenko“!
Jeder hier kennt es. Jeder hier hat Angst davor. Viele Bewohner fangen an zu zittern,
wenn sie davon hören.
Kaschenko ist nur ein Name. Der Name einer Klinik, benannt nach einem russischen
Psychologen. Mit Kaschenko wird den Bewohnern gedroht, wenn nichts anderes mehr hilft
und wenn sie nicht alles machen was die Sanitarkas ihnen sagen.
Es gibt unter den Bewohnern ein eigenes Handzeichen dafür. Gekreutzter Zeige- und
Mittelfinger. Das Zeichen für ein Gitter.
Kaschenko ist eine Psychiatrie. Was dort wirklich vor sich geht lässt sich vielleicht mit
Dimas Worten am besten erklären: „Hier sind die Ärzte nicht befugt den Bewohnern sehr
starke Medikamente zu geben. In Kaschenko schon.“
Die „nicht sehr starken“ Medikamente, in unserem Internat lassen erwachsene Männer
mehrere Tage durchschlafen…
Leila ist nur halb so groß wie ein erwachsener Mann. Und nicht halb so schwer.
Niemand außer den Bewohnern selber weiß, was dort gemacht wird mit ihnen. Aber nach
allem was ich hier gesehen und gehört habe will ich es ehrlich gesagt auch nicht wissen.
Ein Bewohner unserer Station war 3 Monate in Kaschenko. Ich habe die starke Hoffnung,
dass Leila bald zurückkommt. Oder dass ich sie besuchen kann. Auch wenn sie nur
schläft.
Mir ist zwar gesagt worden, dass ich sie nicht besuchen kann und darf, allerdings habe ich
heute mit einer der Direktorinnen von Perspektivy gesprochen und sie sagte, dass
Besuche in Kaschenko zwar schwierig aber möglich sind.
Am Montag ist der zuständige Arzt dieser Station wieder da. Dann erfahren wir vielleicht
endlich den Grund für diese Überweisung.
Ich habe die ganz starke Vermutung, dass sie am Mittwoch, unserem freien Tag, einen
weiteren Anfall hatte und ihr Verhalten als Aggression fehlinterpretiert wurde oder man
einfach mit der Situation überfordert war.
Die Sache mit Leila macht mich gerade echt fertig.
Das letzte Ereignis dieser Woche war zwar auch ein Schock, aber ein positiver =)
Am Freitag Vormittag, als ich mit meinen Mädels auf der Station 10 Zähne geputzt habe,
sind alle Betten vom Flur verschwunden.
Als ich zurückkam um mit Katja die Zähne zu putzen, saß sie auf ihrer Toilette, die
normalerweise neben ihrem Bett steht, aber das Bett war weg.
Jara, eine der russischen Freiwilligen sagte, dass die restlichen Betten, die noch auf dem
Flur standen wieder in die Zimmer geräumt worden waren. Unter anderem wohnten jetzt
zwei ihrer Frauen in meinem alten Zimmer. Dort habe ich dann auch Katjas Bett gefunden.
Mein Zimmer war wieder sauber. Die Betten standen zwar kreuz und quer im Zimmer aber
es war wieder bewohnbar. Und da war noch etwas neues. Jemand neues! Ein neues
Gesicht guckte unter einer Bettdecke hervor.
Nadja!
Nadja ist so groß wie ein Baby und absolut süß! Sie ist mir auf den ersten Blick ans Herz
gewachsen. Ich habe mich richtig gefreut, als man mir erklärt hat, dass sie jetzt bei mir
wohnen wird. Auch wenn die anderen die jetzt hier schlafen wieder in ihre eigenen Zimmer
ziehen. Ein großer Lichtblick in dieser schweren Zeit.
Sie hat ihr ganzes Leben in einer Tüte mit gebracht. Ihr Leben passt in eine Tüte…
traurig…
Kleidung, eine Trinkflasche und ein paar Spielsachen. Ist jetzt alles in meinem Schrank
verstaut, weil wir ja weder Spielsachen noch Kleidung in dieser Größe in Peterhof haben.
Nadeschda (Nadja) bedeutet Hoffnung. Und ich hoffe es wird ihr gut gehen bei uns. Am
Montag bekomme ich noch einige Informationen über sie.
Sie kommt aus dem Kinderheim Pavlovsk, dem ersten Projekt von Perspektiven. Dem
ersten Projekt (1996) mit behinderten Kindern in ganz Russland! Darüber erzähle ich im
nächsten Bericht noch ein bisschen, der hier ist schon viel zu lang.
Die einzigen Informationen die wir bekommen werden, sind die von anderen Perspektiven-
Mitarbeitern aus Pavlovsk.
Die Tagen werden spürbar immer kürzer. Wir gehen jetzt im Dunkeln zur Arbeit. Um 9:00!
Und wenn wir wieder in der Stadt sind geht sie auch schon bald wieder unter.
Naja. Ich werd’s überleben 🙂
Also dann bis zum nächsten Monat.

🙂

Monatsbericht September 2011

Hallo zusammen,
der erste Monatsbericht ist fertig und ich habe überlebt! 🙂
Viel Spaß beim lesen:
Angekommen in St. Petersburg. Schon Anfang September wird es hier richtig Herbst. Die
Blätter werden bunt, es ist kalt und die ganze Zeit nass.
Das Psycho-Neurologische-Internat in Peterhof macht einen besonders
heruntergekommenen Eindruck.
Am ersten Tag, Freitag der 2.9., fuhren Stephanie, meine Kollegin vom gleichen Verein,
und ich mit Verena, der ehemaligen Freiwilligen von unserem Verein, erst mal gemeinsam
ins Zentrum von St. Petersburg um dort das Büro von unserer Empfänger-Organisation
Perspektiven kennen zu lernen. Danach ging es mit dem Zug nach Peterhof.
In Peterhof empfing uns unser Koordinator Dima. Ein sehr netter, sympathischer, junger
Mann mit perfekten Deutsch-Kenntnissen.
Am folgenden Montag bekamen wir, zusammen mit den anderen Freiwilligen, die Zimmer
zugeteilt in denen wir arbeiten. Meine Kollegen sind mir sehr schnell ans Herz gewachsen
und wir haben uns nach sehr kurzer Zeit ziemlich gut verstanden.
Noch ein paar kurze Informationen über das PNI:
Insgesamt gibt es zwölf Stationen mit über tausend Bewohnern. Als der Verein Perspektivy
dort begann zu arbeiten haben sie zu erst die Station Nr. 3 übernommen und dort die
pflegebedürftigsten Bewohner des Hauses untergebracht. Auf dieser Station leben zur Zeit
96 Menschen.
Außerdem hat Perspektivy begonnen auf der angrenzenden Station 10 ebenfalls zu
arbeiten.
Mein Zimmer, das ich nun ein Jahr betreuen werde ist das Zimmer Nr. 6.
Dort leben sechs Frauen unterschiedlichen Alters. Vika, Ksjuscha, Dascha, Schanna, Leila
und Katja.
Vika und Ksjuscha sitzen im Rollstuhl und sind eigentlich immer nur zusammen
anzutreffen. Vika ist die Chefin. Sie kann selbst nicht viel machen, da sowohl ihre
Handgelenke, als auch ihre Wirbelsäule extrem verformt sind. Sie kann zwar sehr
unbeholfen essen, aber sonst kann sie ihre Hände nur wenig benutzen. Sie versteht sehr
viel, kann sich aber nur mit Geräuschen und Andeutungen äußern. Um zu verstehen, was
sie möchte, muss ich ihr immer präzise Fragen stellen, die sie mit Nicken oder
Kopfschütteln beantwortet.
Ksjuscha ist sozusagen Vikas Dienerin. Sie macht alles was Vika will und übernimmt die
Aufgaben, die Vika aufgrund ihrer verdrehten Hände nicht erledigen kann. Ksjuscha ist
offenbar geistig nicht sehr stark und obwohl sie mit Vika gut befreundet ist, scheint es mir
so, als wenn sie des öfteren frustriert ist und ihren Frust an anderen Bewohnern auslässt.
Auch Ksjuscha kann sich nicht mit Worten äußern, ist aber ziemlich selbstständig.
Die Beiden lieben es Musik zu hören und verbringen den ganzen Tag, wenn man sie nicht
auf andere Ideen bringt, auf dem Flur mit Tee trinken und Radio hören (immer der gleiche
Sender mit, meiner Meinung nach, sehr schlechter, meist russischer Musik).
Dascha kann, als einzige in meinem Zimmer, normal laufen und sprechen. Auch wenn sie
nicht wirklich intelligent ist, versteht sie einfache Konversationen. Sie ist sehr ideenlos,
wenn es darum geht ihren Tag zu gestalten, hat aber zu allem Lust, was ich ihr
vorschlage. Sie ist sehr angenehm, da sie z.B. beim spazieren gehen auch das schieben
eines Rollstuhles übernimmt oder im Zimmer alle Betten regelmäßig macht.
Schanna sitzt ebenfalls im Rollstuhl. Sie ist auch relativ selbstständig (kann z.B. alleine auf
Toilette gehen). Sie kann auch laufen, allerdings nur indem sie ihren eigenen Rollstuhl
schiebt oder sich an anderen Dingen festhält. In meinen ersten zwei Wochen habe ich sie
auch nur einmal überreden können auszusteigen, weil sie sehr viel Angst hat. Schanna
kann auch sprechen, sagt aber nur äußerst selten etwas anderes als „Da“ (Deutsch: ja).
Leila ist sehr süß. Sie ist nur ca. 90 cm groß. Leila ist Authistin und hat stark verformte
Unterschenkel. Sie kann laufen, robbt aber lieber wenn sie alleine ist auf dem einen Bein
durch die Gegend. Leila spricht nicht, sie gibt nur schon mal Seufzer oder, wenn sie
glücklich ist, Geräusche die an Lachen erinnern von sich.
Leila hat einen Esszwang, d.h. Sie isst alles was sie in die Finger bekommt. Sie klaut
essen von anderen. Wenn wir spazieren gehen versucht sie immer Zigarettenstummel und
Blätter zu essen und am schlimmsten ist, dass sie häufiger etwas aus der Toilette genießt.
Sie liebt es auch sich mit ihren Fäkalien einzuschmieren, so dass es erst sehr wenige
Tage gegeben hat, an denen ich sie nicht komplett umgezogen habe.
Sie ist sehr anhänglich und braucht viel Aufmerksamkeit und Umarmungen.
Katja ist ebenfalls Authistin und noch wesentlich schwerer zugänglich als Leila. Sie ist
Autoaggressiv und isst ebenfalls alles in ihrer Reichweite. Sie ist dazu blind und hat
wenige Gefühls-Nerven, was dazu führt, dass sie häufig versucht sich selbst zu verletzten
um etwas wahrzunehmen.
Sie sitzt die meiste Zeit auf dem Bett und gibt Grunzgeräusche von sich. Sie braucht Hilfe
bei fast allem und beim Mittagessen sitze ich immer neben ihr und passe auf, dass sie
sich nicht alles in den Mund stopft, was sie ertastet.
Inzwischen, nach zwei Wochen, erkennt sie mich und ich habe einen Weg gefunden, mit
ihr umzugehen. Sie liebt es massiert zu werden, vorgelesen zu bekommen und spazieren
zu gehen, auch wenn sie vor allem eine riesengroße Angst hat.
Genau wie Leila hat sie manchmal den Hang dazu ihre Fäkalien und Menstruationsblut zu
verschmieren.
Das ist der Grund, warum ich in den ersten Tagen so geschockt war und stark überlegt
habe das Zimmer zu wechseln.
Inzwischen habe ich mich aber ganz gut eingearbeitet und mich ein wenig daran gewöhnt.
Ich bin einer der Wenigen, der einen Schlüssel hat um die Fenster zu öffnen und seit mich
der Gestank in meinem Zimmer nicht mehr halb ohnmächtig macht und ich wieder zu
Mittag essen kann habe ich mich entschieden so lange in diesem Zimmer zu bleiben, bis
es mich tatsächlich umhaut.
Ich habe großes Glück, dass mir in meinem Zimmer zwei sehr nette Mitarbeiterinnen zur
Seite stehen, die beide sehr gut Deutsch sprechen. Anita und Valia, die beide schon
länger im PNI arbeiten sind mir immer eine große Hilfe im Umgang mit den Bewohnern.
Ich befinde mich jetzt (20.9.) im Zug zu meinem „on-arrival-training“ in Nizhny Novgorod.
Ich bin jetzt seit zwei Stunden unterwegs und habe noch 6 Stunden vor mir.
Die Rückfahrt wird 16 Stunden dauern. Juhu.
2. Teil. Zurück aus Nizhny Novgorod.
Eine Arbeitswoche mehr, in der nicht viel Neues passiert ist, außer das unser
Freiwilligenzimmer und der ganze Flur umgebaut wird und wir mit Atemmasken
herumlaufen.
Das Seminar war sehr interessant, mit vielen neuen Leuten aus den unterschiedlichsten
Ländern und sehr interessanten Projekten.
Meine Rückfahrt war auch sehr lustig. Ich habe mich mit einem Mann aus Usbekistan
angefreundet, der in St. Petersburg arbeitet. Wir haben Telefonnummern getauscht und er
hat mir die Adresse von einem usbekistanschen Café hier in SPB gegeben, dass ich mal
mit den anderen Freiwilligen ausprobieren muss.
Die letzte Woche im September hat ein wenig traurig geendet, da Anita, die mir so viel
gezeigt und geholfen hat, ab jetzt nicht mehr in Peterhof arbeiten wird.
Abschließend kann ich sagen, dass ich im Moment sehr, sehr glücklich bin hier zu sein.
Ich fühle mich richtig wohl, mit der Arbeitsatmosphäre, den tollen Leuten die hier in Piter
sind und der Arbeit die ich mache.
Am Anfang war es wirklich hart und mir ging es auch nicht besonders gut, aber nach vier
Wochen sehe ich alles von einer anderen Seite.
Ich freue mich auf die nächsten 11 Monate. =)
Ich lasse schon bald wieder von mir hören… (hier vergeht die Zeit so schnell…)