Monatsbericht September 2011

Hallo zusammen,
der erste Monatsbericht ist fertig und ich habe überlebt! 🙂
Viel Spaß beim lesen:
Angekommen in St. Petersburg. Schon Anfang September wird es hier richtig Herbst. Die
Blätter werden bunt, es ist kalt und die ganze Zeit nass.
Das Psycho-Neurologische-Internat in Peterhof macht einen besonders
heruntergekommenen Eindruck.
Am ersten Tag, Freitag der 2.9., fuhren Stephanie, meine Kollegin vom gleichen Verein,
und ich mit Verena, der ehemaligen Freiwilligen von unserem Verein, erst mal gemeinsam
ins Zentrum von St. Petersburg um dort das Büro von unserer Empfänger-Organisation
Perspektiven kennen zu lernen. Danach ging es mit dem Zug nach Peterhof.
In Peterhof empfing uns unser Koordinator Dima. Ein sehr netter, sympathischer, junger
Mann mit perfekten Deutsch-Kenntnissen.
Am folgenden Montag bekamen wir, zusammen mit den anderen Freiwilligen, die Zimmer
zugeteilt in denen wir arbeiten. Meine Kollegen sind mir sehr schnell ans Herz gewachsen
und wir haben uns nach sehr kurzer Zeit ziemlich gut verstanden.
Noch ein paar kurze Informationen über das PNI:
Insgesamt gibt es zwölf Stationen mit über tausend Bewohnern. Als der Verein Perspektivy
dort begann zu arbeiten haben sie zu erst die Station Nr. 3 übernommen und dort die
pflegebedürftigsten Bewohner des Hauses untergebracht. Auf dieser Station leben zur Zeit
96 Menschen.
Außerdem hat Perspektivy begonnen auf der angrenzenden Station 10 ebenfalls zu
arbeiten.
Mein Zimmer, das ich nun ein Jahr betreuen werde ist das Zimmer Nr. 6.
Dort leben sechs Frauen unterschiedlichen Alters. Vika, Ksjuscha, Dascha, Schanna, Leila
und Katja.
Vika und Ksjuscha sitzen im Rollstuhl und sind eigentlich immer nur zusammen
anzutreffen. Vika ist die Chefin. Sie kann selbst nicht viel machen, da sowohl ihre
Handgelenke, als auch ihre Wirbelsäule extrem verformt sind. Sie kann zwar sehr
unbeholfen essen, aber sonst kann sie ihre Hände nur wenig benutzen. Sie versteht sehr
viel, kann sich aber nur mit Geräuschen und Andeutungen äußern. Um zu verstehen, was
sie möchte, muss ich ihr immer präzise Fragen stellen, die sie mit Nicken oder
Kopfschütteln beantwortet.
Ksjuscha ist sozusagen Vikas Dienerin. Sie macht alles was Vika will und übernimmt die
Aufgaben, die Vika aufgrund ihrer verdrehten Hände nicht erledigen kann. Ksjuscha ist
offenbar geistig nicht sehr stark und obwohl sie mit Vika gut befreundet ist, scheint es mir
so, als wenn sie des öfteren frustriert ist und ihren Frust an anderen Bewohnern auslässt.
Auch Ksjuscha kann sich nicht mit Worten äußern, ist aber ziemlich selbstständig.
Die Beiden lieben es Musik zu hören und verbringen den ganzen Tag, wenn man sie nicht
auf andere Ideen bringt, auf dem Flur mit Tee trinken und Radio hören (immer der gleiche
Sender mit, meiner Meinung nach, sehr schlechter, meist russischer Musik).
Dascha kann, als einzige in meinem Zimmer, normal laufen und sprechen. Auch wenn sie
nicht wirklich intelligent ist, versteht sie einfache Konversationen. Sie ist sehr ideenlos,
wenn es darum geht ihren Tag zu gestalten, hat aber zu allem Lust, was ich ihr
vorschlage. Sie ist sehr angenehm, da sie z.B. beim spazieren gehen auch das schieben
eines Rollstuhles übernimmt oder im Zimmer alle Betten regelmäßig macht.
Schanna sitzt ebenfalls im Rollstuhl. Sie ist auch relativ selbstständig (kann z.B. alleine auf
Toilette gehen). Sie kann auch laufen, allerdings nur indem sie ihren eigenen Rollstuhl
schiebt oder sich an anderen Dingen festhält. In meinen ersten zwei Wochen habe ich sie
auch nur einmal überreden können auszusteigen, weil sie sehr viel Angst hat. Schanna
kann auch sprechen, sagt aber nur äußerst selten etwas anderes als „Da“ (Deutsch: ja).
Leila ist sehr süß. Sie ist nur ca. 90 cm groß. Leila ist Authistin und hat stark verformte
Unterschenkel. Sie kann laufen, robbt aber lieber wenn sie alleine ist auf dem einen Bein
durch die Gegend. Leila spricht nicht, sie gibt nur schon mal Seufzer oder, wenn sie
glücklich ist, Geräusche die an Lachen erinnern von sich.
Leila hat einen Esszwang, d.h. Sie isst alles was sie in die Finger bekommt. Sie klaut
essen von anderen. Wenn wir spazieren gehen versucht sie immer Zigarettenstummel und
Blätter zu essen und am schlimmsten ist, dass sie häufiger etwas aus der Toilette genießt.
Sie liebt es auch sich mit ihren Fäkalien einzuschmieren, so dass es erst sehr wenige
Tage gegeben hat, an denen ich sie nicht komplett umgezogen habe.
Sie ist sehr anhänglich und braucht viel Aufmerksamkeit und Umarmungen.
Katja ist ebenfalls Authistin und noch wesentlich schwerer zugänglich als Leila. Sie ist
Autoaggressiv und isst ebenfalls alles in ihrer Reichweite. Sie ist dazu blind und hat
wenige Gefühls-Nerven, was dazu führt, dass sie häufig versucht sich selbst zu verletzten
um etwas wahrzunehmen.
Sie sitzt die meiste Zeit auf dem Bett und gibt Grunzgeräusche von sich. Sie braucht Hilfe
bei fast allem und beim Mittagessen sitze ich immer neben ihr und passe auf, dass sie
sich nicht alles in den Mund stopft, was sie ertastet.
Inzwischen, nach zwei Wochen, erkennt sie mich und ich habe einen Weg gefunden, mit
ihr umzugehen. Sie liebt es massiert zu werden, vorgelesen zu bekommen und spazieren
zu gehen, auch wenn sie vor allem eine riesengroße Angst hat.
Genau wie Leila hat sie manchmal den Hang dazu ihre Fäkalien und Menstruationsblut zu
verschmieren.
Das ist der Grund, warum ich in den ersten Tagen so geschockt war und stark überlegt
habe das Zimmer zu wechseln.
Inzwischen habe ich mich aber ganz gut eingearbeitet und mich ein wenig daran gewöhnt.
Ich bin einer der Wenigen, der einen Schlüssel hat um die Fenster zu öffnen und seit mich
der Gestank in meinem Zimmer nicht mehr halb ohnmächtig macht und ich wieder zu
Mittag essen kann habe ich mich entschieden so lange in diesem Zimmer zu bleiben, bis
es mich tatsächlich umhaut.
Ich habe großes Glück, dass mir in meinem Zimmer zwei sehr nette Mitarbeiterinnen zur
Seite stehen, die beide sehr gut Deutsch sprechen. Anita und Valia, die beide schon
länger im PNI arbeiten sind mir immer eine große Hilfe im Umgang mit den Bewohnern.
Ich befinde mich jetzt (20.9.) im Zug zu meinem „on-arrival-training“ in Nizhny Novgorod.
Ich bin jetzt seit zwei Stunden unterwegs und habe noch 6 Stunden vor mir.
Die Rückfahrt wird 16 Stunden dauern. Juhu.
2. Teil. Zurück aus Nizhny Novgorod.
Eine Arbeitswoche mehr, in der nicht viel Neues passiert ist, außer das unser
Freiwilligenzimmer und der ganze Flur umgebaut wird und wir mit Atemmasken
herumlaufen.
Das Seminar war sehr interessant, mit vielen neuen Leuten aus den unterschiedlichsten
Ländern und sehr interessanten Projekten.
Meine Rückfahrt war auch sehr lustig. Ich habe mich mit einem Mann aus Usbekistan
angefreundet, der in St. Petersburg arbeitet. Wir haben Telefonnummern getauscht und er
hat mir die Adresse von einem usbekistanschen Café hier in SPB gegeben, dass ich mal
mit den anderen Freiwilligen ausprobieren muss.
Die letzte Woche im September hat ein wenig traurig geendet, da Anita, die mir so viel
gezeigt und geholfen hat, ab jetzt nicht mehr in Peterhof arbeiten wird.
Abschließend kann ich sagen, dass ich im Moment sehr, sehr glücklich bin hier zu sein.
Ich fühle mich richtig wohl, mit der Arbeitsatmosphäre, den tollen Leuten die hier in Piter
sind und der Arbeit die ich mache.
Am Anfang war es wirklich hart und mir ging es auch nicht besonders gut, aber nach vier
Wochen sehe ich alles von einer anderen Seite.
Ich freue mich auf die nächsten 11 Monate. =)
Ich lasse schon bald wieder von mir hören… (hier vergeht die Zeit so schnell…)

Stefanies erster Erfahrungsbericht

Ein fröhliches Hallo an Alle und liebe Grüße aus Sankt Petersburg sendet Euch Stefanie!

Hier beginne ich nun nach drei Wochen in Russland meinen ersten Zwischenbericht zu schreiben. Wo fange ich an? Am Besten vorn!

Ich bin am 30.08.2011 nach einer schweren Verabschiedung von Freunden, Familie und meinem Freund mit dem Zug von Saalfeld nach Travemünde gestartet, um dort auf der Fähre nach Helsinki einzuchecken.
Es folgte eine wunderschöne Überfahrt mit Sonnenschein, Wind im Haar, dem Rauschen des Meeres, dem Schreien der Möwen und einer wunderschönen Landschaft, vor allem bei der Einfahrt in Finnland.
In Helsinki bestieg ich einen Linienbus, der mich in etwa 6 Stunden nach Sankt Petersburg brachte.

Mich nahm Verena, unsere Vorgängerin im Freiwilligendienst, herzlich – und zum Glück direkt an der Bushaltestelle – in Empfang und bereitete uns ein schönes und sehr informatives Willkommen.

Sie brachte mich zuerst einmal zu meiner Wohnung, die zwar außerhalb, aber wunderschön gelegen ist. Denn: wenn ich aus meinem Fenster schaue, sehe ich das Meer! Zu Fuß sind es circa fünf Minuten zu laufen. Welch ein Luxus!!!
Ich wohne mit zwei sehr netten Freiwilligen zusammen. Jara ist Russin (spricht zum Glück sehr gut deutsch) und arbeitet ebenfalls im PNI. Janis ist ein Deutscher, der in einem Tageszentrum von Perspektivy eingesetzt ist.

Am nächsten Tag trafen wir (Verena, Paul und ich) uns, um gemeinsam ins Office von Perspektivy zu gehen und danach nach Peterhof zu fahren, um uns das PNI, das Psycho-Neurologische Internat und somit unser Einsatzort im Freiwilligenjahr, zu besuchen.
Am Sonnabend machten wir einen ersten Stadtspaziergang und lernten dabei unsere Sprachlehrerin kennen. Anja ist eine sehr nette Frau und ich freue mich auf den Kurs.

Meine Arbeit in Peterhof ist spannend und sehr angenehm. Ich bin für ein recht schwieriges Zimmer zuständig. Die Bewohner sind stark eingeschränkt. Es leben dort 8 Menschen, die nicht sprechen, körperlich stark beeinträchtigt oder geistig behindert sind. Es macht viel Spaß, mit ihnen den Tag zu gestalten. Auch wenn es oft anstrengend ist.
Ich helfe ihnen beim Zähneputzen, bei der Hygiene und beim Essen. Außerdem versuche ich, angenehme Einheiten, wie kleine Massagen oder Spiele, einzubauen. Wenn das Wetter schön ist und es uns erlaubt wird, gehen wir draußen im Gelände des Heims spazieren.

Heute bin ich von dem On-Arrival-Trainig, einem Seminar der EU, wiedergekommen. Wir waren in Nizhniy Novgorod, einer alten Hansestadt an der Wolga. Das Seminar war mit seinen Teilnehmern aus 11 Nationen und dem Thema Russland wunderbar international. Es war sehr interessant, von den Teilnehmern zu hören, wie sie zu Hause leben und was sie hier in ihren Projekten tun. Es gab sogar zwei Leute, die in Sibirien in einem Dorf leben und dort das „richtige“ Leben mitleben. Sie gärtnern, bauen, ernten, fahren Kanu…Es war sehr angenehm, ihren begeisterten Schilderungen zu lauschen und ich hoffe sehr, dass ich die Zwei einmal besuchen werde!
Ich bin zum Seminar mit dem Zug gefahren. Über nacht. Es war herrlich! Man hat sogar Bettwäsche bekommen!

Das war es vorerst von mir und meinem Leben in Rußland.
Liebe Grüße aus dem schon recht kalten und häufig sehr feuchtem Sankt Petersburg!